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5 von 46 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Heinrich Staudinger, Österreich:

Als Waldviertler-Unternehmer gut zu Fuss

 

Lebt nach dieser Devise: Heinrich StaudingerLebt nach dieser Devise: Heinrich StaudingerFrüher bekam man als Kind im Schuhgeschäft einen Ballon. Gut, das war sehr viel früher. In den GEA-Schuhläden bekommt man heute auf (manche) Schuhe eine Fünfjahresgarantie. Eine Garantie! Auf Schuhe! Präzisiert: wenn ein hundert Kilo Mann  viel geht und die Waldviertler-Schuhe täglich trägt und zwischendurch eine Neubesohlung braucht, bekommt er diese gratis. Das kann sich nur leisten, wer sich seiner Qualität sicher ist. Heini Staudinger ist es.

GEA, eine Abkürzung für Gesunde Alternative oder auch eine Anspielung auf die griechische Erdgöttin Gaia, ist der Name für eine österreichische Handelskette mit Sitz in Wien und einer Produktionsstätte in Schrems, einem kleinen Ort in der Nähe der tschechischen Grenze im sogenannten Waldviertelgebiet. In dieser Region mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent fabriziert GEA Taschen, Möbel, Matratzen und eben Schuhe, Waldviertler-Schuhe. Hier schuf Heini Staudinger über hundert Arbeitsplätze, und weil er das tat, wurde er zu einer Staatsaffäre und nationalen Figur.

Aber jetzt mal von vorn.

Heinrich „Heini“ Staudinger, Jahrgang 1953, wuchs in Schwanenstadt auf, 4600 Einwohner, nicht allzu weit von Linz entfernt. Seine Eltern führten eine Greisslerei; so sagen die Österreicher dem Tante

-Emma-Laden. Die fünf Kinder wurden früh in die Ladenarbeit miteinbezogen. In Linz besuchte er ein Internat, in Wien studierte er verschiedene Studienrichtungen, bevor er 1980 seinen ersten Schuhladen mit den dänischen Gesundtretern Earth Shoe eröffnete , an der Lange Gasse im 8. Wiener Gemeindebezirk. Diese Adresse wurde Startrampe für ein Unternehmen mit heute 33 Läden in Österreich , 19 in Deutschland und der Schweiz (St.Peterhofstatt  in Zürich) und rund 250 Mitarbeitenden.

Aber noch ist es nicht so weit, wir schreiben erst das Jahr 1991 und finden Heini Staudinger nun in der Waldviertler Schuhfabrik in Schrems. Diese Schuhwerkstatt war 1984 von Sozialminister Alfred Dallinger als Projekt zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ins Leben gerufen worden: https://de.wikipedia.org/wiki/Schrems_(Nieder%C3%B6sterreich)

Die Geschäfte liefen harzig, der selbstverwaltete Betrieb buchte Verluste. 1994 wird Heini Staudinger Geschäftsführer und Miteigentümer. Von der Schuhherstellung verstand er nichts, dafür viel vom Verkauf. Er schaffte die Selbstverwaltung ab und erreichte bald schwarze Zahlen. Sein Rezept: Rührigkeit und Respekt gegenüber Menschen, Umwelt und Arbeit.  Während in Waldviertel immer mehr alteingesessene

Textilindustrien dicht machten, expandierte Heini Staudinger. Zu den Schuhen gesellten sich  Möbel, mit einem befreundeten arbeitslosen Architekten zusammen entwickelte; weil sie dabei dauernd Beatles-Songs hörten, nannten sie ihren ersten Tisch „Let it be“.

 

Innovationen ohne Kapital bleiben Kopfideen. 1999 kürzte ihm seine Hausbank den Kreditrahmen, willkürlich, fand Heini Staudinger, und das erboste ihn. Um seine Ausbaupläne dennoch realisieren zu können, bat er Freunde und Familie um Unterstützung, bot 4 Prozent Zins und als Sicherheit Werkstatt, Rohmaterial, Möbel. Nach und nach beliefen sich die Darlehen auf eine Million Euro. Kommt das Jahr 2008. Kommt der Bankrott der Lehmann-Brothers.  Heini Staudinger hat inzwischen den GEA-Umsatz verdreifacht.  2009 ergibt sich die Gelegenheit, vom bankrotten Strumpfhersteller Ergee die nachbarliche Fabrikhalle zu erstehen. Heini Staudinger offeriert nun auch Kunden Zins gegen Geld. Drei Millionen Euros legen sie bei ihm an. Das nun aber schmeckt der österreichischen Finanzmarktaufsichtsbehörde FMA ganz und gar nicht. Im Januar 2012 erhebt sie Klage, denn Kredite seien Bankgeschäfte und dürften nur von Banken getätigt werden. Heini Staudinger droht eine hohe Busse. Allein, er ist sich keines Unrechts bewusst. Zwar erschrickt er, weil er sich um die Arbeitsplätze sorgt. Aber der Mann getraut sich was, organisiert eine Demonstration vor dem Wiener Parlament und erklärt, sich lieber einsperren zu lassen als die Strafe zu bezahlen. „Geh, scheiss de ned an“, ermutigt er sich. Übrigens ein Firmengrundsatz.

Die Vollstreckungsbeamten holten sich die Busse  von  2626 Euro in den Wiener GEA-Läden direkt aus den Ladenkassen. Dabei war Heini Staudinger halt einfach einmal mehr seiner Zeit voraus. Heute gibt es Crowdfunding und in Österreich das AlternativFinanzierungs-Gesetz (altFG), das Rechtssicherheit für Privatfinanzierungen schafft.

 

Ist er ein Rebell? Ein Schlitzohr? Ein gerissener Unternehmer? Viele Titel hat man ihm angehängt. Was er sicher (auch) ist: Ein Lebensbetrachter, der sich viele Gedanken über den Lauf der Welt macht und gern teilt und mitteilt, sei es als gefragter Gastreferent an Wirtschaftsforen oder als Autor in der GEA-eigenen Zeitschrift „Brennstoff“, einem „Energieträger für Herz und Seele“, vierteljährlich, Auflage 180 000 Exemplare, Chefredaktor: Heini  Staudinger.  Und auch die GEA- Verkaufsbroschüren, viel grüne Farbe auf grauem Umweltpapier, sind gewürzt mit Zitaten von Philosophen und Schriftstellern. Das erlauben sich andere Unternehmer auch, aber nicht jeder ist so dezidiert der Meinung, Wirtschaftsbetriebe hätten gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen – und es dann auch tut. 2015 hat er ein Manifest „Gemeinsames Wirtschaften“ initiiert, das neue Wege für eine natur- und menschengerechte Wirtschaft sucht. Seine Produktion ist selbstverständlich nachhaltig, die Schuhe handgefertigt, die Möbel  „enkeltauglich“ und keine „Lackaffen“ (Staudinger), aus Nuss oder Buche, von Hand gewachst und geölt, vererbbar über Generationen hinweg. Er selber hat drei Enkelkinder. Die Firma bildet Lehrlinge aus, führt in der Schuhwerkstatt auch eine Akademie zu Handwerk (Silber giessen, Holzbrillenbau), Gesundheit (Qigong-Ausbildung), Wirtschaft (Wirtschaftsethik) und Musik (Orgelnächte, Jodelwerkstatt).

 „Es gibt“, sagt er und setzt gekonnt eine Pause, „im Leben nichts Wichtigeres als das Leben.“  Eine Plattitüde, nicht aber aus seinem Mund. Sein Leben ist keine Generalprobe. So heisst der Titel des Dokumentarfilms von Nicole Scherg über Heinrich „Heini“ Staudinger, das Resultat einer Kamerabegleitung über mehrere Jahre, 2016 fertig gestellt und in die Kinos gebracht. (2016)

 

http://w4tler.at/

 

 

 

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