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5 von 44 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Luigi Boitani:

Den Wölfen auf der Spur

 

Forschungsobjekt von Luigi BoitaniForschungsobjekt von Luigi BoitaniWölfe hasst man. Oder Wölfe liebt man. Letzteres fällt naturgemäss leichter, wenn man kein Schaf ist, in einer Stadt lebt, wilde Tiere nur in Filmen antrifft und dem WWF jährlich seinen Mitgliederbeitrag überweist. Vom Fernsehsessel aus kann man fröhlich befürworten, dass Isegrim wieder frei und stolz durch die Lande streift. Bahnfrei für den Wolf und alles wird gut! Oder doch nicht? Ausgerechnet ein Experte warnt vor zu viel Gefühl:  Wer zu sehr hasst, bringt vieles durcheinander. Wer zu sehr liebt, ebenfalls.

Der Experte ist Luigi Boitani. Er kennt die Wölfe wie wenige, und darum stimmt ihn Enthusiasmus skeptisch: „Die Zahl der Leute, die den Wolf lieben, ist gewachsen, aber die Zahl derer, die ihn in seinem ökologischen Kontext verstehen, ist möglicherweise gesunken. Von den Exzessen  wahllosen Wolfsmordens haben wir uns zum exzessiven Wolfsschutz bewegt. Wir stehen heute vor der schwierigen Herausforderung, die breite Unterstützung für den Erhalt des Wolfs in eine rationale und im Zusammenhang stehende Argumentation umzuleiten, die nicht nur den Wolf, sondern die gesamte Umwelt einschließlich der menschlichen Interessen berücksichtigt“: http://wolfszone.de/000main/texte/Schlusswort.pdf

Wölfe sind nach den Braunbären die zweitgrössten Raubtiere Europas. Einst waren sie das am meisten verbreitete Säugetier der Welt. Dass sie langsam wieder eine Zukunft haben, liegt auch am rührigen Italiener, Jahrgang 1946. Seit mehr als vierzig Jahren forscht der studierte Biologe und Tierökologe, der als Professor an der Universität La Sapienza in Rom lehrt, über sie, folgt ihren Spuren in Europa (Italien, Polen, Rumänien, Spanien) und Amerika, sammelt, notiert, analysiert, sieht sie allerdings selten, da Wölfe Meister im Sichverstecken sind. Luigi Boitanis Wissen ist gefragt: er arbeitete bei vielen internationalen Forschungsprojekten mit, leitete (zusammen mit Erik Zimen) die Studie „Wolf-Ökologie in Italien“, schrieb Hunderte von Aufsätzen und  gab (gemeinsam mit L. David Mech) 2003 das Buch „Wolves, Behavior, Ecology and Conversation“ heraus,  ein 450 Seiten starkes Standardwerk, das die Resultate jahrelanger Freilandforschung resümiert. Als Wolfsautorität sitzt er in Kommissionen der EU und anderer internationaler Organisationen mit komplizierten Namen, ist Vorsitzender der Large Carnivore Initiative for Europe in der Weltnaturschutzunion IUCN, spricht als gefragter Redner auf Konferenzen und wirbt in den Medien für ein besseres Verständnis für – nein, nicht nur für den Wolf, sondern für die Ökologie insgesamt. An mehr als 30 Managementplänen für Nationalparks in Europa hat er mitgearbeitet, die Tieren und Menschen eine Koexistenz ermöglichen sollen: https://de.wikipedia.org/wiki/Luigi_Boitani

Das wirkt!  Als die Forscher Luigi Boitani und Guillaume Chapron wissenschaftlich fundierte Daten aus den Jahren 2010 bis 2012 zusammenstellten, zeigte sich, dass auf 1,5 Millionen Quadratkilometern, das ist ungefähr die dreifache Fläche Spaniens, heute wieder Wölfe (sowie Bären, Luchse und Vielfraße) einen Lebensraum finden. Sogar in Belgien und Dänemark konnte man vor kurzem Wölfe beobachten: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wolf-baer-luchs-die-grossen-raeuber-kehren-zurueck.1dba28c0-f27a-4dc0-a57f-0b6559ae7e64.html

Luigi Boitanis Credo ist es, den Wolf nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Umwelt als ganze zu behandeln: „Wir müssen den Wolf als Bestie der Wildnis vergessen und uns auf die Wolf-Mensch-Beziehung konzentrieren: Das ist die eigentliche Herausforderung und der eigentliche Nutzen des Wolfsschutzes für die Biodiversität. Wir müssen akzeptieren, dass Wölfe und Menschen in einem Gebiet zusammenleben können und nicht für immer in unterschiedlichen Gebieten voneinander getrennt werden müssen. Wolfsschutz neigt dazu, die Diskussionen auf das Management des Tiers selbst zu konzentrieren, häufig mit wenig Beachtung für die übrige Umwelt, in der eine Wolfspopulation lebt, aber Wölfe sind nur eines von vielen Teilen der Umwelt und ihr Schutz wird häufig am besten dadurch erreicht, dass verschiedene andere Komponenten des Ökosystems in einem ganzheitlichen Ansatz betrachtet werden“: http://wolfszone.de/000main/texte/Schlusswort.pdf

Gegenüber dem SPIEGEL lobte er die Schweiz  für ihr Wolfskonzept: „ Wenn Sie ein Wolf sind und in der Schweiz leben wollen, sind Sie willkommen und stehen unter Artenschutz. Sie dürfen auch Schafe reißen. Aber höchstens 25. Beim 26. Schaf sind Sie tot“: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-133575645.html

Da der wilde Wandergeselle bei uns also offiziell willkommen ist, könnte es nützlich sein, ein paar Verhaltensratschläge des Experten zu beherzigen, zum Beispiel diesen: Solltest du tatsächlich einmal einem Wolf in freier Wildbahn begegnen, dann darfst du auf keinen Fall wegrennen, denn ein flüchtendes Lebewesen ist in den Augen des Wolfs eine Beute. Und einer Beute jagt man hinterher. Mag sein, dass das Stillhalten etwas trainingsbedürftig ist. Da hilft sich daran zu erinnern, dass der Mensch als solcher nicht unbedingt zur Lieblingsnahrung des Wolfs gehört und es bislang (noch?) keinen Bericht gibt von einem Wolf, der einen Menschen getötet hätte. Beim Hute des Rotkäppchens, wenn das keine beruhigenden Nachrichten sind! (2015)