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5 von 65 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

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Kultur 

Kreativ gestaltet

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Umwelt

Dauerhaft gut

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

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            Alter

Voller Leben

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

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Carlos Magdalena

Ein  Gärtner aus Gijón. Aber was für einer!

Carlos Magdalena kennenzulernen lohnt sich. Der Spanier mit den langen Haaren, die er zum Zopf bindet, wenn er in den Teich zu den geliebten Seerosen steigt, ist ein Gärtner ganz besonderer Art. Er besitzt ein angeborenes Talent für Rares und Unentdecktes, das er sammelt, vermehrt und wieder aussetzt. Seine Leidenschaft sind Seerosen, aber seinen Ruf hat er mit einem Kaffeestrauch begründet: Ramosmania rodriguesii, bekannt als café marron: http://www.botanicgardens.eu/downloads/sibbaldia8.pdf

 

Kennenlernen kann man den Gärtner bei Vorträgen, in Filmen oder in seinem autobiographischen Buch „Der Pflanzen-Messias“.  Dort erfährt man, wie er an seinen aktuellen Arbeitsort Kew Gardens gekommen ist.

Carlos Magdalena wächst in der Atlantikstadt Gijón im spanischen Asturien auf. Er muss ein eigenwilliges  Kind gewesen sein, denn während andere Knaben Torero oder Kapitän  werden wollen, interessiert er sich nur für Pflanzen und Tiere. Andere spielen Fussball; er liest alle sechs Bände einer naturwissenschaftlichen Enzyklopädie durch. Und das zwölf Mal!

Carlos‘ Vater ist Vertreter von Gartenbedarf und Zimmerpflanzen, aber die Liebe zu allem Grünen erbt er von seiner Mutter, einer Floristin. Sie verwandelt die Finca, die der Vater eines Tages erwirbt, in einen wilden Garten Eden. Carlos‘ Lieblingsecke ist der Teich mit den Seerosen. Die Schule hingegen langweilt ihn. Mit 18 gibt er auf und eröffnet mit einem Freund eine Bar mit Live-Jazz, die eine gewisse Reputation als Musiklokal erlangt. Um die Schulden bezahlen zu können, müssen sie die Bar nach ein paar Jahren verkaufen. Es folgen Jobs, aber nichts Befriedigendes. Er beschliesst, eine Auszeit in England zu nehmen. In London arbeitet er als Aushilfskellner und steigt schnell zum Chefsommelier auf, weil er den Gästen nicht nur Wein einschenkt, sondern von Rebsorten, Bodenbeschaffenheit und Unterwuchs erzählt.

Eines Tages fährt er nach Kew Gardens, dem grössten, vor 250 Jahren erbauten botanischen Garten Englands, der über ausgedehnte Parkanlagen verfügt und dessen Stolz ein 200 Meter langes Treibhaus ist. In Kew Gardens wird gesammelt, geforscht, aufbewahrt, vermehrt und konserviert. Die Saatgutbanken verfügen über eine Million Samen von Nutz- und Wildpflanzen.

Auf dem Heimweg vertieft sich Carlos Magdalena in einen Artikel mit dem Titel „Lebende Tote“ in einer Zeitung, die er im Zug aufliest. Der Text handelt vom Kaffeestrauch Ramosmania rodriguesii, der auf der zu Mauritius gehörenden Insel Rodrigues wächst und als ausgestorben galt, bis ihn 1980 ein Junge zufällig entdeckte. Ein Ableger des Kaffeestrauches gelangt nach Kew Gardens, wo er wächst, allerdings ohne Samen zu produzieren, also ein „lebender Toter“ ist. Carlos Magdalena wird es später gelingen, ihn zum wahren Leben verhelfen  – aber damit greifen wir vor.

Zunächst muss er nach Kew Gardens zurück, weil er diese Blüten unbedingt live sehen will. Und je länger er sie betrachtet, desto gewisser wird ihm: er gehört hierher. Tatsächlich gelingt es ihm, den Direktor von einem Praktikum zu überzeugen. Carlos‘ Magdalenas erster Arbeitstag fällt auf den 6. Januar  2003, ein Dreikönigstag. In Spanien ist der Dreikönigstag der Tag der Weihnachtsbescherung. Das Praktikum sei sein grösstes je erhaltenes Geschenk gewesen, sagt er. Dem Praktikum folgt eine Gärtnerlehre. Obwohl er über keinen Schulabschluss verfügt und schon weit über das Lehrlingsalter hinaus ist, erhält er einen dieser begehrten Ausbildungsplätze. Grund dafür ist seine hervorragende Arbeit als Praktikant.

Im Tropenhaus beobachtet er als Lehrling und darauf als diplomierter Gärtner die Ramosmania rodriguesii tage- und nächtelang. Er analysiert und experimentiert, durchaus auch gegen den Widerstand anderer Fachkundiger. Und o Wunder: eines Tages hängt am Kaffeestrauch eine Frucht. Der hartnäckige Spanier mit den unorthodoxen Forschungs- und Propagationsmethoden wird zum Medienstar. „Pflanzen-Messias“, jubelt eine spanische Zeitung. Und als der weltbekannte Anthropologe David Attenborough eine Dokuserie über Kew Gardens dreht, lässt er Carlos Magdalena im Film auftreten.

Geduld, Versuch und Irrtum, Vorstellungsvermögen – und Leidenschaft für die Pflanzenvermehrung, das sind seine Instrumente. Er reist nun viel, nach Mauritius, Peru, Bolivien, Australien. Und er kehrt zu seiner ersten Liebe zurück: zu den Seerosen. Geradezu süchtig sei er nach Wasserlilien, bekennt er. Um eine bestimmte Art näher betrachten zu können, steigt er schon mal in einen Teich, der auch Lebensraum von Krokodilen ist.

Auch mit den Wasserlilien gelingt ihm ein Coup: In einem Katalog liest er über Nymphaea thermarum, eine Wasserlilie, die nur in heissem Wasser leben kann, äusserst selten und noch wenig erforscht ist. Ein deutscher Professor hatte sie 1987 in einer heissen Quelle in Rwanda entdeckt. Dem botanischen Garten in Bonn war es zwar gelungen, die Samen zum Keimen zu bringen, aber diese blieben unfruchtbar. Das reizt Carlos Magdalena.  Zunächst laufen auch viele seiner Versuche ins Leere. Doch eines Tages, als er zu Hause Tortellini kocht und nachdenklich ins brodelnde Wasser starrt, kommt ihm die Erleuchtung: Die kleine Wasserlilie braucht zum Leben nicht nur Heisswasser, sondern auch Kohlendioxid. Wie er die Sache zum Erfolg gebracht hat, teilt er der Wissenschaftswelt in einem Artikel in der Zeitschrift „International Waterlily and Water Gardening Society“  mit – in Form eines Kochrezepts: „Carlos’s Cookbook: Nymphaea thermarum recipe“.

 

 

Diese Geschichte aus seinem Buch „Der Pflanzenmessias“ ist charakteristisch für seinen Sinn für Humor und den fast kindlichen Stolz über seine Entdeckungen und Erfolge. Aber eigentlich hat er das Buch geschrieben, um einen Weckruf zu erlassen: Um alle Welt aufzurütteln, sich gegen den ungeheuerlichen Verlust der Pflanzenvielfalt zu wehren. Jede und jeder könne einen Beitrag leisten, glaubt er (seine Vorschläge sind dann aber doch die alten und gehen über Spenden an Umweltorganisationen bis zum bewussteren Fleischkonsum nicht hinaus).

Dass er diese Botschaft in seine eigene Biographie einwickelt, ist akzeptabel,  denn einen grösseren Verfechter fürs Vegetabile kann man sich nur schwer vorstellen: er liebt und lebt geradezu Pflanzen. Und es schadet ja nichts, sich einmal mehr bewusst zu machen, was da abgeht: Jedes Jahr werden schätzungsweise 2000 neue Pflanzenarten entdeckt, aber Experten vermuten, dass noch mehrere Millionen völlig unbekannte  Arten irgendwo existieren. Für Entdeckungen wird die Zeit knapp, denn das Artensterben, verursacht durch die Beschädigung der Ökosysteme, durch Rodung von Wäldern, Umfunktionierung von Landschaften und der Klimawandel, schreitet schnell voran. Man kann den Verlust an Wissen, Erkenntnissen und Schönheit nur ahnen. Und bedauern.

Pflanzen sind stumm. Carlos Magdalena ist ihr Sprachrohr. Und ein gutes dazu!                

(2019)

 

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https://youtu.be/FlDjSwcnT7w