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5 von 65 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Amar Latif in Grossbritannien: lehrt als blinder Reiseführer Sehenden das Sehen...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Andreas Benrath in Buggingen: stempelte "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Hand auf 1463 Tonplatten ...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Carlos Magdalena aus Gijón, Spanien: erregt als Pflanzenzauberer im englischen Kew Gardens Aufsehen ...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Peter Mabeo in Gaborone: machte als Selfmademann in Botswana mit seinen Möbeln Weltkarriere...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Ingeborg Rapoport in Berlin: Die Ärztin promovierte mit 102 Jahren...

 
 
 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen in aller Welt: helfen mit Kreativität und Hingabe Menschen auf der Flucht anzukommen...

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Andreas Benrath, Buggingen im Schwarzwald

Der Ton-Setzer der Langsamkeit

 

Zweieinhalb Jahre lang begann der Baukeramikmeister und Kachelofenbaumeister Andreas Benrath sein Tagwerk mit Sten Nadolny. Jeden Morgen widmete er sich dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Aber er las nicht nur, sondern er druckte das ganze Buch neu. Und zwar mit Lettern aus Ton auf Platten aus Ton.

Die Arbeit verlangte Konzentration, und diese Konzentration verlangte Stille. Keine Ablenkung, keine Musik. Nur die sieben bunten Wellensittiche plauderten munter in der Voliere beim Eingang der Werkstatt in Buggingen, einem kleinen Dorf, keine halbe Stunde von Freiburg im Breisgau entfernt.

Seit 1994 lebt der gebürtige Bayer Andreas Benrath (1961) hier im Schwarzwald als selbständiger Keramikofenbauer. Jeder von ihm gefertigte Ofen ist ein Unikat, vom Modell bis zur Kachel in Handarbeit fabriziert. Die beiden grossen, mit Regalen, Werkzeugen, Zeichnungen, Schablonen, Stiften, Teigknetmaschine und Ofen gut assortierten Räume werden für Kopfarbeiter zum Sehnsuchtsort. In diesem herrlichen Allerlei wird ernsthaft gearbeitet, aber Verspieltheit zugelassen. Hier wird angepackt, aber mit Bedacht.

 

Eines Tages, es war Spätherbst und der Ofen kalt, weil gerade kein Auftrag zu erfüllen war, hatte er die Idee, dem Buch, das ihm so viel bedeutet, ein Denkmal aus Ton zu setzen. „Die Entdeckung der Langsamkeit“ war für ihn mehr als nur eine unterhaltsame Geschichte gewesen, nämlich auch Bestätigung, Wegweisung.  Als das Werk  1983 erschien und schnell zum Welterfolg wurde, hatte Andreas Benrath gerade zwei Studien abgebrochen, zuerst Pädagogik, danach Medizin, und eine Töpferlehre begonnen. Der deutsche Schriftsteller brachte ihm Bekräftigung: „Das Buch machte mir bewusst, dass es Menschen mit verschiedenen Geschwindigkeiten gibt. Und Langsamkeit passt zu Handwerk. Dieser Gedanke hat mich mit mir versöhnt.“

 

355 Druckseiten mit Tonbuchstaben abzustempeln ist eine Monsterarbeit, und Andreas Benrath wusste nicht, ob er es schaffen würde. Wort für Wort rückte er vor, tauchte mit jedem Satz auch tiefer ein in Inhalt und Gehalt. Die Stempelei wurde zur Meditation, und er sann darüber nach, dass Langsamkeit nicht nur eine Frage der Geschwindigkeit ist: „Eigentlich geht es darum, Überflüssiges wegzulassen und sich nicht zu verzetteln. Mein Lieblingssatz heisst: <Weil John Franklin so langsam ist, verliert er niemals Zeit.> Darum geht es doch. Im Buch wie im Leben.“ John Franklin ist die Hauptfigur des Romans. Der britische Seefahrer und Nordpolforscher hat wirklich gelebt, aber der Schriftsteller Nadolny legte ihm einen fiktiven Mantel um, dessen Tuch aus Langsamkeit gewoben ist.  Als Kind konnte  John keinen Ball halten, das ging viel zu schnell, dafür war er ein exzellenter Beobachter und schaffte es auch, ein tüchtiger Seefahrer zu werden.  Er ging zur Marine, erlebte Schlachten und Kriege, führte drei Expeditionen in die Arktis und kehrt von der vierten nicht mehr zurück.

 

Johns Lehrer Dr. Orme stellte einmal fest, dass  seine scheinbare Begriffsstutzigkeit und Trägheit nichts anderes sei als eine übergrosse Sorgfalt des Gehirns gegenüber Einzelheiten aller Art. So beginnt das fünfte Kapitel. Nadolny erhielt 1980 dafür den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Was die Jury nicht wusste: dass die Kapitel eins bis vier noch gar nicht existierten. Drei Jahre schrieb Nadolny am Buch, das schliesslich 19 Kapitel umfasste. Fast dreissig Monate arbeitete Andreas Benrath an der Umsetzung in Ton, die nun 1463 Platten umfasst, fünf Tonnen wiegt und, ausgelegt, 200 Quadratmeter bedecken würde.

Als das Ziel in Griffnähe gekommen war, kontaktierte Andreas Benrath den Schriftsteller. Und weil der Handwerker ein umsichtiger Mensch ist, liess er zuvor mit einem  Rechtsgutachten die Urheberrechtsfrage klären – er hatte nichts falsch gemacht. „Ich war mir dennoch nicht sicher, wie Sten Nadolny reagieren würde“, erzählt er. Mehr als zwei Monate wurde er auf die Folter gespannt. Aber er stellte sich dennoch weiter jeden Tag an den Werktisch, legte sich zwei Platten parat, fuhr mit dem Zeigfinger den Sätzen nach, die er abschreiben würde, drückte die Buchstabenstempel in den Ton, nicht zu fest und nicht zu leicht, was am Anfang gar nicht so einfach gewesen sei, wie er einräumt. In der ersten Euphorie hatte er übermütig bis zu fünf Seiten geschafft; ein entzündetes Handgelenk bremste ihn. Mit der Zeit fand er Mass und Rhythmus: zwei Tontafeln pro Session, das entspricht etwa einer halben Seite des gedruckten Buches und einer Stunde Arbeit.

Trotz aller Achtsamkeit schlichen sich auch Druckfehler ein. Manchmal reichen die Buchstaben über Satzspiegels hinaus. Aber dies verleiht dem Kunstwerk seinen Charme. Hatte er eine bestimmte Anzahl Platten fertig, schob er sie in den Ofen, wo sich das Grau des Tones in die Farbe des Feuers verwandelte. Die roten, unglasierten, mit eingekerbten Linien und Zeichen versehenen Oberflächen erinnern an Moses Gebotstafeln aus der Kinderbibel.

Dann kam die Mail. Die Begeisterung! Und dann Nadolny persönlich. Der Schriftsteller hat sogar selber eine Tafel erstellt, die Platte Nummer 1204.

Im Januar 2019 war der Ton-Meister fertig. Dieses einzigartige Werk lagert jetzt in grossen Holzkisten. Aber es gehört an die Öffentlichkeit.  Am besten an einen Ort, wo sich Tempo und Stillstand begegnen. Wo gehastet und gewartet wird. Wo die einen rennen und die andern sitzen. Wo man Zeit zum Nachdenken hat. Zum Beispiel darüber, dass man ja immer nur im Vergleich mit dem Schnelleren langsam ist.  (2019)

 

Andreas Benrath

Gewerbering 5
79426 Buggingen

http://www.keramik-benrath.de/

 

 

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