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5 von 44 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Haifaa Al Mansour:

Die erste und einzige Filmemacherin in Saudi-Arabien

 

Erschuf das Mädchen Wadjda: Haifaa Al MansourErschuf das Mädchen Wadjda: Haifaa Al MansourÖffentliche Kinos sind in Saudi-Arabien illegal. Entsprechend rar sind dort Filmemacher. Und Filmemacherinnen? Undenkbar! Dennoch gelang es ausgerechnet einer Frau, den ersten vollständig im Königreich gedrehten Spielfilm zu realisieren:  Haifaa Al Mansour hat 2012 „Das Mädchen Wadjda“ gedreht (Drehbuch und Regie). Vordergründig erzählt der Film die Geschichte einer 11jährigen, die sich sehnlichst ein Fahrrad wünscht; in Saudi-Arabien sind aber Mädchen auf Fahrrädern ebenfalls nicht vorgesehen. Hintergründig trägt der Film Züge der Regisseurin, und nicht nur, weil sie in dieselbe Schule ging wie das Filmmädchen, sondern eher, wie sich beide ihren Herzenswunsch erfüllt haben: mit Hartnäckigkeit, Mut und schlauem Witz. Im Film sagt die Mutter, wenn ihre Tochter etwas wolle, könne niemand sie davon abhalten. Vielleicht hat die junge Haifaa das auch oft gehört. Jedenfalls bekam Wadjda ihr Velo, und Haifaa Al Mansour eine Einladung nach Venedig und viele weitere Preise (u.a. den Fritz-Gerlich-Preis und den Spezialpreis des Friedenspreises des Deutschen Films): http://www.zeit.de/kultur/film/2013-09/interview-haifaa-al-mansour-saudi-arabien-film-wadjda

Obwohl das Fahrrad als Symbol für Freiheit, Mobilität und Veränderung steht, ist der Film keine  Protestnote gegen die konservative Gesellschaft Saudi-Arabiens. Haifaa Al Mansour setzt die Kamera nicht als Kampfmittel ein, sondern zeigt uns eine  Kleinfamilie in einem Land, das sich langsam wandelt. Geboren wurde sie 1947 in Al Zilfi, einem Ort fern der Hauptstadt Riad, als achtes von zwölf Kindern. Zuhause habe sie nie das Gefühl vermittelt bekommen, als Mädchen etwas nicht erreichen zu können, sagt sie. Erst als Schülerin habe sie den sozialen Druck gespürt, sich anzupassen. Für Frauen in Saudi-Arabien spaltet sich das Leben in drinnen und draussen auf; im Hause schalten und walten sie, auf der Strasse verbergen sie sich unter schwarzem Tuch. Auf Wunsch ihrer Mutter studierte Haifaa Al Mansour; sie ging nach Kairo und wählte als Studium englische Literatur; nach Abschluss arbeitete sie in Saudi-Arabien als Lehrerin. Das gefiel ihr nicht schlecht,  aber es fehlte die grosse Leidenschaft. Diese fand sie in der Filmarbeit. Da war sie schon fast dreissig.

Gleich ihr erster Film, ein Kurzfilm, bei dem der kleine Bruder das Licht hielt und eine Schwester schauspielerte, löste ein Echo aus. Sie unterbreitete das Werk einem lokalen Filmwettbewerb in Abu Dhabi  und wurde zu ihrer grossen Überraschung eingeladen, was einer Auszeichnung gleichkommt. Solcherart ermuntert, drehte sie weiter, zunächst Kurzfilme und die Dokumentation „Women Without Shadows“ (2005); sie schloss auch ein Studium an der Filmhochschule in Sydney ab, erst dann wagte sie sich an ihren ersten Spielfilm. Da war sie bereits verheiratet und Mutter zweier Kinder.

 

In einem Land zu drehen, in dem Frauen und Männer nicht in der Öffentlichkeit zusammenarbeiten dürfen, stellt vor Herausforderungen. Geld für einen Film zu sammeln ist immer ein Problem, im kinolosen Saudi-Arabien aber eine schiere Unmöglichkeit. Es sei tatsächlich schwierig gewesen, sagt sie, aber man finde immer für alles eine Lösung. Zum Beispiel wählte sie einen Teen (gespielt von Waad Mohammed) zur Hauptfigur, weil Frauen nicht unverschleiert auf die Strasse dürfen. Während des Außendrehs harrte sie in einem Kleinbus aus und erteilte ihre Anweisungen an die Crew über ein Walkie Talkie. Eine frustrierende Erfahrung! Aber sie wollte drehen, und nur das zählte.  Und für die notwendige Unterstützung schaute sie sich im Ausland um.

Fünf Jahre hatten die Vorbereitungen gedauert. Haifaa Al Mansour schickte das Drehbuch unzähligen Produktionsfirmen, erhielt keine Zusage, ja nicht einmal Absagen. Bis sie schliesslich in Deutschland fündig wurde.  Die Razor Film Produktion von Gerhard Meixner und Roman Paul zeigte sich interessiert; die Produzenten hatten bereits Erfahrungen in Nahost gesammelt mit "Paradise Now" des palästinensisch-niederländischen Regisseurs Hany Abu-Assad und „Liebe Halal“ des Libanesen Assad Fouladkar: http://razor-film.de/news/

Ein Mädchen gerät in Bewegung: FilmausschnittEin Mädchen gerät in Bewegung: FilmausschnittUnd sie stiegen auch bei Haifaa Al Mansour ein. Support erhielt sie zudem vom Writer's Lab des Sundance Instituts in den USA. Das Resultat ihrer Beharrlichkeit ist ein Leib-und-Seelen-Film, warm, persönlich, der uns das Leben in diesem fremden Wüstenstaat etwas näher bringt, die Leute aber nicht vorführt oder blossstellt, sondern vorstellt in einer Mischung aus Schalk und Charme, die Sympathien erzeugt. Sie sei keine radikale Person, sagt Haifaa Al Mansour, sie suche den Dialog, nicht die Konfrontation. Zur Filmerei sei sie gekommen, weil sie einen Raum, einen Resonanzraum für ihre eigene Stimme gesucht habe, nicht, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Die, auch das führt sie uns subtil vor, in Bewegung geraten ist. Aber, sagt Haifaa Al Mansour, die Menschen wollten das Tempo und den Rhythmus der Veränderungen selber bestimmen und sich diese nicht von aussen diktieren lassen.

Ein bisschen revolutionär ist die ihr Film dennoch, zumindest für die Zuschauenden aus einer anderen Weltgegend. Die Kamera blickt nämlich hinter verschlossene Türen und auf unverschleierte Frauen. Und was sehen wir? Frauen, die lieben und lachen, sich kümmern und sorgen, mit Erziehungsknatsch und Ehestresse, die zwischen Beruf und Privatleben eine Balance finden müssen. Genau wie wir. Wer hätte das hinter dem Schleier erwartet! (2016)

 

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