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5 von 50 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Elisabeth Schwerin in Mittweida: schuf das soziokulturelle Zentrum Müllerhof...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Piano Salon Christopheri:

Ein Tastenfreund in Berlin

 

 

Musik in der Werkstatt: ein besonderer HörgenussMusik in der Werkstatt: ein besonderer HörgenussIn diesem Konzertsaal ist alles anders. Angefangen damit, dass es gar kein Konzertsaal ist, sondern eine ehemalige Werkstatt. Und was für eine! Sie ist riesig, schliesslich handelt es sich um die ehemalige Motorenbauhalle der zentralen Omnibus- und Strassenbahnwerkstatt der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Berlin. Wo man einst Räder und Getriebe schmierte, werden heute Resonanzböden und Stimmstöcke poliert, stapeln sich Flügel, liegen bunte Kissen auf Stühlen und verbreiten altmodische Stehlampen den heiteren Charme eines Flohmarktes.  Hier also spielt die Musik. Der Piano Salon Christophori in Berlin ist nämlich beides: eine Werkstatt, in der Flügel und historische Hammerflügel restauriert werden, und ein Ort, an dem sie vor Publikum gespielt werden.

Der Eintritt ist frei, Getränke sind gratis, das Podest steht in Reichweite, auf das die Interpreten liebend gern treten. Sie schätzen die Nähe zum Publikum und dessen Konzentration, schwärmen von der besonderen Akustik und Ambience. Dabei erhalten sie nicht einmal eine feste Gage, sondern nur das, was am Ende des Konzerts in der Sammelbüchse landet. Gar nichts verdient der Konzertveranstalter. Er ist ein wahrer Tastenfreund.

Christoph Schreiber heisst er, 1970 in Halle geboren, Vater zweier Kinder, Ehemann einer Psychiaterin und selber auch Arzt von Beruf, aber aus Neigung autodidaktisch zum Restaurator von historischen Hammerflügeln und Konzertorganisator geworden. Eine Woche arbeitet der Neurologe im Unfall-Krankenhaus Berlin-Marzahn, die andere in der Werkstatt, die ja eben auch Konzertsaal ist. Das Restauratorenhandwerk brachte er sich bei, nachdem er einen kaputten Duysen-Flügel ersteigert hatte, den er wieder auf Vordermann bringen wollte. Das ist bald zwanzig Jahre her. „Ich hatte nach dem Medizinstudium angefangen, mich für Flügel zu interessieren, und brauchte Platz. In dem Haus in Prenzlauer Berg, wo ich damals wohnte, gab es eine leer stehende Ladenwohnung, und schnell hatte ich die ersten Flügel. Dann waren Sachen dran zu machen, und der Klavierstimmer war sehr teuer für das wenig, was er gemacht hat.“: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F03%2F01%2Fa0176&cHash=bbe846d0ccddc325976744c3f4d8c9a1

Und weil er nicht viele Mittel besass, begann er, „sich mit der Materie zu beschäftigen“, wie er dem Deutschlandkulturradio erzählt. „Dann habe ich mich da festgebissen, und es wurde mehr und mehr.": http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-mediziner-als-klavier-restaurator.1153.de.html?dram:article_id=182087

2011 zog Christoph Schreiber vom Prenzlauer Berg an die Uferstrasse. Nahezu 80 historische Konzertflügel und Hammerklaviere umfasst die Sammlung, etliche sind auch nur Ersatzteilspender. Die Instrumente gelangen auf unterschiedlichsten Wegen zum Tastenfreund: Einen Flügel rettete er, dank dem Hinweis eines Pfarrers, aus einem einstürzenden Haus in Cottbus: siehe Video unten.

In der Sammlung findet sich mancher Erard, zum Beispiel das Modell 1853 mit dem gleichen Design, wie es Chopin besass: stark gemasertes brasilianisches Palisander mit Drachenblutpolitur. Allein diese Beschreibung in der informativen Homepage tönt wie Musik, ganz zu schweigen von dem Instrument selbst. Mendelssohn Bartholdy, Liszt und Wagner spielten auf einem Erard, Beethoven erhielt 1803 einen von Erard persönlich geschenkt; er ist seit 1845 im Besitz des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz. Erards florierenden Instrumentenwerkstätten (Harfe und Flügel) in Paris war ein Salon für Musizierabende und Konzerte angeschlossen. Nichts Ungewöhnliches damals, denn neue Kompositionen wurden oft zuerst in kleinerem Rahmen aufgeführt. Das war das Vorbild für den Piano Salon Christophori; der Name hingegen ist eine Reverenz an den Hammerklavierbauer Bartolomeo di Francesco Christofori, der im 18. Jahrhundert in Florenz das „Clavicimbalo col piano e forte“ erfunden hat.

Seit 2004 organisiert Christoph Schreiber im Abstand von zwei bis drei Wochen Konzerte: „Am Anfang kamen nur ein paar Freunde von mir. Dann kamen auch Konzertkenner und Leute, die das historische Instrument zu schätzen wissen. So wurden meine Konzerte immer größer.“:  http://horstundedeltraut.com/2013/01/ein-hauch-19-jahrhundert-in-berlins-wedding/

Seine restaurierten Flügel kann man kaufen, mieten oder an Konzerten hören. Gespielt wird Klassik, Jazz und sogar Tango (Trio Cayao), es gibt fixe Konzertreihen wie die Musica Litoralis oder Liederabende.  Zu den Interpreten zählen bekannte Namen wie das Trio Korngold und das Trio Gaspard, der Klarinettist David Orlowsky und der Pianist Julien Quentin (zusammen mit der Cellistin Anastasia Kobekina), die Violinistin Vilde Frang. Im Mai 2016 will die kammermusikalische Gesellschaft Cristofori gUG einen Brahms-Marathon im Piano Salon Christophori ausrichten. „Vor allem geht es mir darum, den Erlebnischarakter eines klassischen Konzerts nachfühlbar zu machen in einer Zeit beliebiger Reproduktionen. Das geht nur durch eine Fülle von Sinneseindrücken und dadurch, dass man vorher eine gewisse Verwirrung stiftet. Der Ort durchkreuzt zumindest Erwartungen. Das Besondere ist auch, dass man im Salon alles ist: vom Impresario über den Restaurator bis hin zur Klofrau.“ http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F03%2F01%2Fa0176&cHash=bbe846d0ccddc325976744c3f4d8c9a1

Obwohl es Raum für mehr gäbe, stehen exakt 199 Stühle für das Publikum da. Laut Versammlungsrecht bräuchte es bei losen Stuhlreihen ab 200 eine Konzertbewilligung. Darum. Wer öfters kommt, rückt vor auf die vorderen Sitzreihen; wer bestellt und nicht erscheint,  muss zurück auf Feld eins beziehungsweise die hinteren Sitze. In diesem Konzertsaal ist eben alles anders. Aber das hatten wir ja schon. (2015)

http://www.konzertfluegel.com/

Piano Salon Christophori

Uferstrasse 8

13357 Berlin

 

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