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5 von 53 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Amar Latif in Grossbritannien: Der blinde Reiseführer lehrt das Sehen...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Vreni Urech:

Das Leben ein (Laien)Spiel

 

 

Auch ihr AHA-Laden ist eine Bühne: Vreni UrechAuch ihr AHA-Laden ist eine Bühne: Vreni UrechNach 30 Jahren auf der Laienbühne ist Vreni Urech beim Schauspielhaus Zürich angelangt. 2011 spielte sie in „D‘Zäller Wiehnacht“( Regie Klaus Brömmelmeier und Sibylle Burkart), 2013 in „Das Leben der Bohème“ (Regie Corinna von Rad), 2014 „Brauchst Du mich noch?“ (eine „generationenübergreifende Recherche auf der Schattenseite der Leistungsgesellschaft“), 2015 in „Die zehn Gebote“ (Regie Karin Henkel) und ab Januar 2016 "piano forte" (Musik/Regie Ruedi Häusermann): http://www.schauspielhaus.ch/spielplan/premieren

Angelangt, nicht angestrebt: dieser kleine Unterschied ist ihr wichtig. Denn die Zürcherin Vreni Urech, 1947 in dem kleinen Weiler Hausertal geboren, ist mit Leib und Seele Laienschauspielerin. Allerdings eine so talentierte, dass sie auffällt. Und nicht nur dem Schauspielhaus. Der Tages-Anzeiger lobte in einer ansonsten kritischen Besprechung der Aufführung „De Franzos im Aargau“ (Autor: Thomas Hürlimann, Regie: Volker Hesse) an den Klosterspielen Wettingen 2011: „Spass macht der Theaterabend vor allem wegen der herausragenden Leistungen von Albert Freuler als Sargtöneli und Vreni Urech als Mutter Kälin. Sie geben Hesses Volkstheater-Inszenierung genau das, was ihr grösstenteils fehlt: pralle Figuren und deftigen Witz.“ http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/theater/Dem-Franzos-im-Aargau-fehlt-es-an-Esprit/story/13579930

In über 40 Produktionen hat Vreni Urech mitgespielt, hat Haupt- und Nebenrollen in Komödien und Tragödien verkörpert, u.a. in "Wachtmeister Studer" (siehe Video unten), den Havlicek in Ödon von Horváths „Hin und her“ bei der Badener Maske oder das „Frl. Dr. Mathilde von Zahnd“ in Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ bei der Theatergruppe Fällanden.

Sie spielte immer unter professioneller Regie, hat auch selber Regie geführt und in dem Film „Max“ von Christian Davi die weibliche Hauptrolle übernommen. Aber ihren Brotberuf an den Nagel hängen für das Theater, das wollte sie nie. Um so weniger, als sie ja bereits einen Traumberuf hat. Sie ist gelernte Dekorationsgestalterin. Nach ihrer Lehre beim Modehaus Vogue arbeitete sie bei verschiedenen führenden Modehäusern. Beim Möbel- und Einrichtungshaus Zingg-Lamprecht in Zürich wirkte sie zehn Jahre lang als Ausstellungsgestalterin. Nach Jahren in einer Umgebung voller Glanz und Glamour sehnte sie sich nach mehr Bodenhaftung: mit einer Freundin noch aus der Lehrzeit bewarb sie sich beim (damaligen) Schweizerischen Arbeiterhilfswerk für den Second-Hand-Kleiderladen SAHara an der Heinrichstrasse 87 im Kreis 5, den sie, als das SAH nach zehn Jahren ausstieg, weiter führten. Und als sie beide pensioniert wurden, zog Vreni Urech in den Laden, machte allein weiter und zwar mit der gleichen Phantasie, Emphase und Kreativität wie eh und je, aber unter leicht geändertem Namen. Ihren AHA-Laden öffnet sie nur noch, wenn sie Lust dazu hat; und das ist nie vor dem Nachmittag (Öffnungszeiten:  Telefon 044 383 95 40).

Im Grund genommen ist auch der kleine Laden eine Bühne. Wunderbar verwunschen eingerichtet und mit Schaufenstern, die Blicke fangen. Das Herzstück ist ein Theatervorhang aus rotem Samt. Einer Journalistin, die sich über eine sommerlich dekorierte Auslage mit Bikinis neben kurzen Röcken im Oktober wunderte, erklärte Vreni Urech: «Ich erlaube mir manchmal einen Scherz, aber das finde wohl nur ich lustig.»: http://www.nzz.ch/zuerich/mikrokosmos-heinrichstrasse-1.18168818. Dem ist durchaus nicht so, auch andere geniessen das Augenzwinkern, aber Vreni Urech, die so viel Applaus einheimst, ist bescheiden und seltsam uneitel geblieben. Ihr gefällt nicht in erster Linie das Rampenlicht, sondern die Gemeinschaftsleistung, sowohl im Theater wie im richtigen Leben. Sie begeistert das gemeinsame Erarbeiten eines Projekts, eines Events, eines Stückes; sie liebt das Mittragen und Mitgestalten einer Idee; sie mag das Feilen und Polieren, bis etwas strahlt und glänzt. Das verschafft ihr Befriedigung, dieses Ernsthafte, dieses Bemühen um das Beste für das Hier & Jetzt, nur für den Augenblick, nicht bestimmt für die Ewigkeit. Ihre Schaufenstergestaltungen, kleine köstliche Kunstwerke, wechseln in hohem Tempo.

Obwohl sie spielt, seit sie denken kann: unheilbar vom Theatervirus befallen wurde sie erst durch einen Kurs von Häusermann/Reichmuth, aus dem etliche Bühnenprofis hervorgingen. Aber sie blieb bei den Laien, trat in der Theatergruppe Fällanden, dem Estrich Theater, der Badener Maske auf und wirkte in freien Theaterproduktionen mit. Und sie spielte nicht nur, sondern gestaltete unzählige Kostüme, die höchste Qualität aufweisen und ihre unverkennbare Handschrift tragen: verspielt, selbst wenn es sich um einen nüchternen Outfit handelt, dem sie mit einem Zwick eine komische Note verleiht.

Die Schweiz verfügt über eine grosse Dichte an Laientheatern: http://www.nzz.ch/article7X360-1.361580. Das Volks-/Amateurtheater ist eine von drei Säulen neben den Stadttheatern und der Freien Szene, die zu fast gleichen Teilen Besuchende anziehen. Für Andreas Kotte, Gründungsdirektor und Professor am Institut für Theaterwissenschaft (ITW) an der Universität Bern, ist dieses Drei-Säulen-Modell eine  «Besonderheit, die sich sonst nirgends findet in Europa». Die rund 30 Stadttheater generieren etwa 1,5 Millionen Zuschauer pro Jahr, die ungefähr 300 Spielstätten der Freien Szene 1,7 Millionen und die etwa 900  Amateurgruppen 1,2 Millionen Besuchende. Im Buch „Bühne & Büro“ bezeichnet Beate Schappach, Assistentin am ITW,  das Amateurtheater in dieser Ausprägung als sehr schweizspezifisch; das Angebot sei so vielfältig, dass es kaum überschaubar sei: http://www.uniaktuell.unibe.ch/content/geistgesellschaft/2012/institut_fuer_theaterwissenschaft/index_ger.html

Bis vor kurzem war Vreni Urech also eine unter Tausenden. Aber eine, die herausragt. Abgesehen von dem kurzen Theaterkurs ist ihre einzige Theaterschule das Leben. Manchmal setzt sie sich irgendwo in der Stadt auf eine Bank und beobachtet die Passanten. Gesten, Mimik, ein spezieller Gang: sie wird das irgendwann auf der Bühne verwenden können. Am liebsten gibt sie eigenwillige Personen. Giftnudeln! Böse, sagt sie, sei immer gut. Auf der Bühne. Ob sie nach all den Jahren noch einen Rollenwunsch hat? Hat sie. Nein, nicht Hamlet wie alle andern, sondern am liebsten die Claire Zachanassian in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“. Aber Vreni Urech ist auch offen für anderes, für vieles. Wer sie engagieren möchte, kontaktiere sie unter: vreniurech@bluewin.ch

 (2015)

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