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5 von 62 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Albert Bolliger in Kilchberg: publizierte auf 46 Hör-CDs das Gesamtwerk von  C.F.Meyer...

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Umwelt

Dauerhaft gut

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

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            Alter
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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen in aller Welt: helfen mit Kreativität und Hingabe Menschen auf der Flucht anzukommen...

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Albert Bolliger, Verleger in Kilchberg:

Ein Herz und zwei Ohren für C. F. Meyer

 

Diese Leistung lässt sich nur mit Leselust und Leidenschaft erklären: im Alleingang 46 Hör-CDs mit sämtlichen Werken eines nicht mehr ganz aktuellen Schriftstellers zu publizieren, gelesenvon 25 bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern aus Deutschland und Österreich, verpackt in 12 Boxen, jede versehen mit einem  sorgfältig editierten Booklet. 50 Stunden Wortgewalt. Auch ein wundervolles Statement gegen den Zeitgeist der würdelosen Hast und oberflächlichen Textnascherei im Internet. Nur: Wer will denn den ganzen Conrad Ferdinand Meyer hören?

 

Er wollte es. Albert Bolliger, Verleger und Musiker. Sechs Jahre lang beschäftigte ihn das Projekt, das pünktlich zum 120. Todestag des Schriftstellers 2018 komplett vorliegt. Dabei war eine Gesamtausgabe gar nicht geplant. Aber die erste Einspielung („Gustav Adolfs Page“) kam dermassen gut an, dass Albert Bolliger weitermachte. Inzwischen haben es etliche Meyer-Hörbücher auf die Hörbuchbestenliste des Hessischen Rundfunks geschafft, Meyers Gedichte erhielten den Preis der deutschen Schallplattenkritik und standen auf der Longlist für den Jahrespreis.

C. F. Meyer – ein Bestseller?! Das soll ihm mal einer nachmachen!

Von Haus aus ist Albert Bolliger nicht Germanist, sondern Organist. Er hat Musikwissenschaft, Slawistik und Linguistik studiert, Orgel am Konservatorium in Zürich bei Hans Vollenweider, dem Vater von Andreas, und in Paris bei André Marchal. 1965 nahm er seine Konzerttätigkeit auf, die ihn durch die halbe Welt führte. In Chicago und Mexiko erhielt er Gastprofessuren; Taipeh ehrte ihn 1968 mit der Auszeichnung als Artist-in-Residence. Albert Bolliger liebt historische Orgeln, Instrumente mit Baujahr 1440 bis 1900. „Orgeljäger“, neckte ihn der Musikkritiker Mario Gerteis.

Bald kamen Schallplatten, zuerst bei Teldec, dann bei ExLibris. Um nicht einzig der auf Kurzfristigkeit angelegten Marktlogik folgen zu müssen, wagte Albert Bolliger 1990 den Sprung ins kalte Wasser: er gründete den Sinus-Verlag in Kilchberg, Kanton Zürich. Kein Grünschnabel zwar, aber unbedarft sei er gewesen, gestand er der Musikzeitschrift Fono Forum. Unter dem Label mit der Sinuskurve veröffentlichte er Orgeleinspielungen auf historischen Instrumenten aus sieben Ländern, Musik vom Buxheimer-Orgelbuch bis zur Romantik. Fünfmal erhielt er den renommierten Preis der deutschen Schallplattenkritik. Seine Backlist ist beeindruckend: 40 Orgel-CDs, alle noch erhältlich. Daneben publizierte er Orgelnoten zeitgenössischer Musik, so etwa von Willy Burkhard, Klaus Huber, Paul Müller, Heinz Wehrle und Heinz Roland Schneeberger.

Und dann im Jahr 2005 probierte er noch einmal etwas Neues, und dies ausgerechnet mit einem spanischen Schelmenroman aus dem 17. Jahrhundert, also auch nichts Naheliegendem. Aber Albert Bolliger war nach einer Lesung des Romanisten Hartmut Köhler so elektrisiert gewesen, dass er eine Hör-CD produzierte: „Der hinkende Teufel“ von Luίs Vélez de Guevara, übersetzt und –natürlich –  gelesen von Köhler. Bis heute folgten 30 weitere Hörbuchproduktionen. Als Richtschnur für dieAutorenwahl dienen Albert Bolliger seine eigenen Vorlieben: Shakespeare, Nietzsche, Mörike, von Ebner-Eschenbach, aber auch James Joyce, Carl Einstein, Michael Bulgakow. Und eben C. F. Meyer.

Zu jedem Hörbuch liefert Albert Bolliger ein umfangreiches Booklet mit dem integralen Literaturtext. Wer also die zwölf C. F. Meyer-Boxen kauft, erhält auch das gedruckte Gesamtwerk des Dichters. Die Büchlein sind ergänzt mit Kommentaren, oft von Albert Bolliger selber verfasst, oder einem Essay von einem bekannten Literaten, u.a. von Hugo Loetscher oder dem Joyce-Spezialisten Fritz Senn. Manche Texthefte sind auch illustriert, zur Dichtung „Engelberg“ bekommt man ein aufklappbares historisches Panorama vom Titlis. „So müssen Hörbücher sein“, lobte die Süddeutsche Zeitung. Albert Bolliger wählt selbst die Sprecher oder die Tonstudios in Berlin, Hamburg oder Wien. Aus dem Russischen hat er den „Grossinquisitor“ von Fjodor Dostojewski oder aus dem Spanischen den „Dreispitz“ von Pedro Antonio de Alarcón übersetzt. 

So erstaunt wie erfreut stellt man also fest, dass in Kilchberg einer lebt, der die Freiheit des Enthusiasten pflegt und sich der Diktatur der Ökonomie verweigert. Sein Massstab sind einzig Kunst und Kultur. C. F. Meyer zum Beispiel, dieser „Gigant im Reich der Sprache“, wie Iso Camartin schreibt, ist, wie die anderen Klassiker auch,  aus den Schulbüchern verschwunden und wird wohl auch nicht mehr viel gelesen. Dazu, dass sich das gerade ein wenig ändert, wie der NZZ-Literaturkritiker Manfred Papst schreibt, dürfte die grandiose Edition des Sinus-Verlags einen wichtigen Beitrag leisten. (2018)

 

Sinus-Verlag AG
Postfach 526
8802 Kilchberg
Schweiz

www.sinus-verlag.ch

 

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