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5 von 59 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

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Kultur 

Kreativ gestaltet

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Umwelt

Dauerhaft gut

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

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            Alter
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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

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 Renate Matthei, Furore-Verlag, Kassel

Mit Komponistinnen ans Werk

 

Man mache die Probe aufs Exempel und frage eine Liebhaberin klassischer Musik nach Komponistinnen. Sie wird drei, vier nennen können: Clara Schumann und Sofia Gubaidulina, Fanny Hensel und Olga Neuwirth. War da noch wer?

Da waren sehr viele mehr! Kombiniert man die Listen vom „Archiv Frau und Musik“, der Datenbank von „Musicalics“, von Wikipedia und ergänzt sie aus eigenem Fundus, so erhält man fast tausend Namen! Und wie viele von ihnen stehen heute auf den Programmen der Konzerthäuser? Zehn Prozent? Wohl kaum. Zwar meinte die Musikjournalistin Antje Olivier schon 1996, Musik von Tonschöpferinnen sei keine „musica rara“ mehr, und es bestehe kein Anlass meFoto: Mario ZgollFoto: Mario Zgollhr für ein grosses Lamento. Aber dennoch darf man feststellen, dass es auch jetzt noch viel Wunderbareszu entdecken gäbe. Darum gebührt ein grosses Lob denen, die Komponistinnen (mehr) Gehör verschaffen. Renate Matthei zum Beispiel. Sie ist eine ihrer fleissigsten, aktivsten und erfolgreichsten Fürsprecherinnen.

 

Es ist das Jahr 1986. Frau trägt lila. Frauenbuchläden, Frauenbibliotheken, Frauenzentren, Frauenkneipen schiessen wie die Pilze aus dem Boden. Aber in der Welt der klassischen Musik bleiben die Herren weiterhin lieber unter sich. Als sie auf einer Musikmesse in Frankfurt durch die Gänge schlenderte, stellte Renate Matthei irritiert fest, dass überhaupt kein Frauenname vertreten war. Das sei so, erklärten die Musikverleger, weil Frauen nicht komponieren könnten; könnten sie es, wären sie schon lange veröffentlicht worden.

Diese simple Antwort war Renate Matthei dann doch zu einfach. Gut, dachte sie, so mach ich das eben mal. Sie war 32 Jahr alt und arbeitete als Gesellschafterin in einer Firma, die Informations- und Leitsysteme für Großbauten wie Flughäfen (Iran, Irak), Krankenhäuser (Saudi Arabien), auch die Alte Oper in Frankfurt und das Kongresszentrum ICC in Berlin ausstattete. Sie hatte Betriebswirtschaft studiert und von der Verlagsbranche eine gewisse Vorstellung, weil ihr Vater Wolfgang Matthei den Merseburger Verlag besass und als Geschäftsführer des Bärenreiter-Musikverlages amtierte. „Immerhin konnte ich Zahlen lesen“, sagt Renate Matthei: https://www.nmz.de/artikel/es-gibt-ungeheure-schaetze-zu-heben

1986 gründete sie den Furore-Verlag in Kassel mit der expliziten Devise, ausschließlich von Frauen komponierte Werke zu veröffentlichen. Daran hält sich das Unternehmen bis heute. Inzwischen sind 2.500 Werke von etwa 170 musikschaffenden Frauen aus Europa, Amerika, Asien und Australien verlegt worden.

Mit der Frauenausrichtung positionierte sich Furore im Markt. Viele hätten anfangs vermutet, nur Frauen würden Musik von Frauen kaufen und spielen: „Das war zwar eine seltsame Vorstellung, verschaffte uns aber einen Vorsprung.“ Überrascht wurde Renate Matthei von der Ablehnung, die ihr anfänglich entgegenschlug. Einen roten Teppich hatte sie nicht erwartet, aber auch nicht den Neid, die Konkurrenzängste, die Abgrenzungen, die sie nun spürte. Aber sie ist keine, die das aufhalten würde. Im Gegenteil: sie legte die Latte noch etwas höher, indem sie am Anfang zeitgenössische Komponistinnen bevorzugte. Eine Nische in der Nische sozusagen.

Furore wurde schnell bekannt. Fachfrauen schätzten die neue Plattform für Kontakte und Vernetzung, wie sich die Schweizerin Margrit Schenker erinnert: „Wenn jemand zum Beispiel in Schweden gezielt etwas von Frauen aufführen möchte, wendet er sich an den Furore-Verlag. So bin ich auch zu Aufträgen gekommen, zum Beispiel eine Vertonung von Texten der Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck für das <Visby Centre for Composers>  auf der Insel Gotland“:  https://www.srf.ch/kultur/musik/komponistinnen-haben-es-heute-sicher-einfacher-als-fanny-hensel

Noten brauchen keine Übersetzung, das ist ein Vorteil für eine Verlegerin, die sich international ausbreiten will. Beim Furore-Verlag stammen etwa zwei Drittel der Werke nicht aus Deutschland.

Ein kleines Team steht Renate Matthei zur Seite, lektoriert und publiziert Noten, Bücher, Zeitschriften, vermietet Noten zu Instrumental- und Kammermusik, Chor- und Bühnenwerken, publiziert die „Schriftreihe Frau und Musik“, Klangporträts, Biographien, die Zeitschrift “Tableau Musical“, auch Postkarten. Als weiteres Förderinstrument ist der Wettbewerb anzusehen, den der Furore Verlag in Kooperation mit dem Zentrum Militärmusik der Bundeswehr ausgeschrieben hat.

Das ist schon viel, aber noch nicht alles. Wer in der klassischen Musikwelt etwas bewegen will, muss sich kräftig rühren. Und so hat Renate Matthei auch Aufführungsorte mitbegründet, etwa den „Kasseler Kultursalon“; und darum wirkte sie auch im Vorstand des internationalen Arbeitskreises „Frau und Musik“ mit, dessen Archiv über 20‘000 Medieneinheiten (Noten, Literatur, Tonträger, Bildmaterialien) verfügt; und fast schon unausweichlich, dass sie auch Mitgründerin und Vorstandsmitglied des „Kasseler Kultur Forums“ wurde. 2005 übernahm sie von ihrem Vater die Geschäftsführung des  Merseburger Verlags, des ältesten evangelischen Kirchenmusikverlags weltweit; und 2007 folgte der 1979 von Walter Keller-Löwy in Zürich gegründete Pan Verlag, der sich auf Alte Musik (Reihe „Fontana di Musica“ mit Werken vom 15. bis zum 17. Jahrhundert) spezialisiert hat. Renate Matthei ist auch Gründungsgesellschafterin des euregioverlages, der sich um Kultur, Kunst und Geschichte der Region Kassel verdient macht und sich unter dem gleichen Dach wie die Musikverlage befindet.

Für ihren Einsatz für Kultur ist Renate Matthei mehrfach ausgezeichnet worden: 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz am Band, 2015 mit dem Soroptimist Deutschland Preis.

Wem es schwindlig werden könnte nur schon bei der Aufzählung ihrer Aktivitäten, dem sei in Erinnerung gerufen, was an der Preisverleihung der Soroptimisten gesagt wurde: dass man mit Engagement und Leidenschaft vieles bewirken könne. Und das hat sie! Komponistinnen haben inzwischen rasant Fahrt aufgenommen; ihre Werke werden gedruckt, öfter aufgeführt, auch musikwissenschaftlich bearbeitet. Natürlich kann und sollte man noch mehr tun, aber, wie Renate Matthei inzwischen wohl weiss: Der Fortschritt ist eine Schnecke.  

An der Beschleunigung mitwirken kann übrigens jeder und jede, auch ohne gleich einen Verlag zu gründen. Renate Matthei empfiehlt, Organisatoren von musikalisch umrahmten Veranstaltungen zu bitten, Werke von Komponistinnen zu berücksichtigen. Der Furore-Verlag hilft mit Ratschlägen und Notenmaterial.                                                                                                                  (2018)

 

 

Furore-Verlag

Naumburger Strasse 40

34127 Kassel

https://furore-verlag.de/

 

 

Auch interessant: der Verein 

http://frauenkomponiert.ch/

der sich der Förderung von Musik von Komponistinnen widmet

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