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5 von 66 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Amar Latif in Grossbritannien: lehrt als blinder Reiseführer Sehenden das Sehen...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Andreas Benrath in Buggingen: stempelte "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Hand auf 1463 Tonplatten ...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Carlos Magdalena aus Gijón, Spanien: erregt als Pflanzenzauberer im englischen Kew Gardens Aufsehen ...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Peter Mabeo in Gaborone: machte als Selfmademann in Botswana mit seinen Möbeln Weltkarriere...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Ingeborg Rapoport in Berlin: Die Ärztin promovierte mit 102 Jahren...

 
 
 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen in aller Welt: helfen mit Kreativität und Hingabe Menschen auf der Flucht anzukommen...

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Michael Betzner-Brandt, Berlin

No nonsens: Ich-kann-nicht-singen-Chor

Singen macht glücklich, befreit den Atem und beflügelt die Seele. Singen beginnt innen, sagt der Musiker Michael Betzner-Brandt. Und das gilt für jede und jeden. „Sie können sprechen? Also können Sie auch singen“: https://www.chorkreativ.de/ich-kann-nicht-singen-chor/

Er muss es wissen, denn er leitet den Ich-kann-nicht-singen-Chor in Berlin, bei dem sehr viele mitwirken, die meinen, es nicht zu können, und es dann doch tun: singen.

 

 

Singen für und von Nicht-Sänger/innen ist offenbar ein Bedürfnis, denn solche Gesangsgemeinschaften sind Kult. Der vermutlich erste Chor mit diesem ironischen, keineswegs programmatischen Namen entstand 2011 – und zwar aus einer Laune heraus. Im Rahmen des Festivals Chor@Berlin im Berliner Kultur- und Veranstaltungszentrum Radialsystem überlegten sich Festivalleiter Moritz Puschke und Dirigent Michael Betzner-Brandt, wie sie das Publikum aktiver einbeziehen könnten. Die Idee: Einfach alle mitsingen lassen. Zwei Jahre später gab es den spontanen Chor immer noch; das Singlokal befand sich nun in der Urania, und dort ist es bis heute. Zu den monatlichen Singworkshops kommen manchmal mehr als hundert Leute.

80 Prozent der Deutschen sagen, sie würden nie oder wenig singen. Warum also strömen sie zu Michael Betzner-Brandt und bezahlen dafür auch noch 15.50 Euro? Vielleicht, weil der Mitmachfaktor (trotz Eintrittspreis) niederschwellig ist. Man muss nichts, man darf – zum Beispiel auch daneben singen, ohne sich zu blamieren: das groovt. Man muss keine Noten lesen und nicht einmal einen Ton halten können: das entlastet. Man steht nicht vor dem Herausforderung, Beethovens Neunte zu Gehör bringen zu müssen: das reizt, genau dies einmal im Leben  irgendwo vielleicht doch zu versuchen.

Ich-kann-nicht-singen ist kein Stimmenfänger für rachitisch gewordene Kirchenchöre. Wer bei Michael Betzner-Brandt den Mund auftut, erlebt Fröhlichkeit und Frische, Harmonie und klingende Gemeinschaft. Und lernt auch für den Alltag zu Gebrauchendes: „Im Wort Chor ist zu Dreiviertel das Wort Ohr drin“, sagt Michael Betzner-Brandt. Singen also (auch) als eine Übung fürs Hören, Zuhören, Hinhören. Das kann jeder und jede trainieren.

 

Und was singen die Nicht-Sänger? Alles. Jedenfalls fast. Gerocktes und Beswingtes, Ernstes und Unbekanntes. Als Warm-up lädt der Dirigent gern zu Improvisationen, Singspielen und Lockerungsübungen ein, die er selber entwickelt hat. Oder man steigt ein mit dem Nonsenslied „Kommserein, könnense rausgucken…“, ein Ohrwurm mit Langzeithaftung (man teste das selber anhand des Videos unten).

Michael Betzner-Brandt ist einer der Kreativsten in der aktuellen Chorszene und selber natürlich Profi. Der  1972 geborene Mann mit dem Mozartzopf und der erotisch angerauten Stimme hat Kirchenmusik, Schulmusik, Philosophie und Chordirigieren studiert und schon etliche Chöre auf die Beine gestellt: Zu seiner Zeit als Chorleiter an der Universität der Künste Berlin (2003 – 2015) die Fabulous Fridays, einen JazzPop-Chor, der auf Tournee durch die halbe Welt ging, Preise ersang und CDs produzierte. Diesem folgte High Fossility,  ein Chor für Menschen über 60, die sich die Klassiker der Popgeschichte vornehmen: „We will rock you“,  so heissen Botschaft wie CD dieses Ensembles.  2011 kam der Ich-kann-nicht-singen-Chor dazu,  2015 im Auftrag des Vereins Leadership Berlin - Netzwerk Verantwortung (einem Forum von Entscheidern und Macherinnen aus Wirtschaft, Gesellschaft, Politik) der Begegnungschor für Flüchtlinge und Einheimische. 2019 schliesslich wurde Michael Betzner-Brandt mit dem Sommercamp „Sing along Berlin“ betraut.

Um seine reiche Erfahrung weiterzugeben, hat er das von ihm entwickelte Konzept „Singen ohne Noten“ in einem Buch verschriftlicht. Der Ratgeber Chor kreativ – singen ohne Noten wird von Musikern, Lehrerinnen, auch Therapeuten gern zur Hand genommen. Das zeigt: offenes Singen hat Konjunktur. Ich-kann-nicht-singen-Chöre  gibt es heute auch in Stuttgart und Wien, in Salzburg und Wachtberg-Adendorf. 

Macht singen wirklich glücklich? Definitiv. Das weiss sogar die Wissenschaft: Beim Singen würden körpereigene Glückshormone ausgeschüttet, Endorphin, Serotonin, Dopamin und Adrenalin freigesetzt, was den Gefühlszustand verbessere, sagen verschiedene Studien:https://www.br.de/radio/bayern1/singen-102.html

Das gleiche, allerdings sehr viel poetischer, stellte schon Freiherr von Eichendorf in seinem Gedicht „Wünschelrute“ fest:


Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

 

Wohlan denn, Ton ab, läuft: „Kommserein, könnense rausgucken, singen fängt von innen an …“

(2019)

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https://youtu.be/jJptjpSgEYM