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5 von 46 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Cristóbal Colón:

Vom Irrenhaus auf den Markt

 

Der eine war Kapitän und Genueser, der andere ist Psychologe und Spanier. Beide sind wagemutig und Pioniere. Von den Christoph Kolumbi interessiert uns nur einer:  Cristóbal Colón, Jahrgang  1949, Initiant des Unternehmens La Fageda, das den katalanischen Markt aufmischt. Mit Joghurt! Das Besondere: die Mehrheit der Mitarbeitenden von La Fageda sind psychisch Behinderte.

Als der Psychologe Cristóbal Colón vor mehr als 30 Jahren La Fageda ersann, verstand er nichts von Wirtschaft und schon gar nichts von Milchwirtschaft. „Ich wusste nur eines: Ich wollte die Menschen aus den Anstalten rausholen und ihnen eine sinnvolle Arbeit verschaffen. Denn Arbeit ist eine gute Lebenshilfe – sie trägt zur Selbstachtung und zur Selbstentwicklung bei“: http://de.slideshare.net/LaFageda/primer-capitolhistoriabogeriafageda

Heute beschäftigt La Fageda über 270 Personen, davon 160 mit psychischer Behinderung.  Nicht alle können alles schultern, deshalb sind die Aufgaben jeweils ihren Fähigkeiten angepasst, fordert und fördert sie aber, unter anderem mit einer entsprechenden Fachausbildung.  Arbeitsplätze gibt es in der Gärtnerei und in der Baumschule, vor allem aber in der Milchverarbeitung. La Fageda ist der drittgrösste Joghurtproduzent Kataloniens. 

Der Weg dahin war lang und lange arm an wirtschaftlichem Erfolg, dafür reich an Irrungen und Irrtümern. Der gute Wille war von Anfang an vorhanden, „aber wir haben bald eingesehen, dass das nicht reicht“, sagt Cristóbal Colón.Nach 30 Jahren reich an Erfahrungen: Cristóbal ColónNach 30 Jahren reich an Erfahrungen: Cristóbal Colón „Wir“, das ist eine Handvoll Gleichgesinnter des Psychiatriespitals von Girona. Als Cristóbal Colón in den achtziger Jahren nach Katalonien kommt, hat er bereits zehn Jahre Dienst in psychiatrischen Kliniken in Saragossa hinter sich. Geboren und aufgewachsen ist er in Zuera, einem Dorf in der Provinz Aragonien. Sein Vater stirbt früh, darum zieht der Junge mit 14 Jahren nach Saragossa, um in der Schneiderei seines Onkels sein Brot zu verdienen. Während des Studiums lernt er die Österreicher Sigmund Freud und Viktor Frankl (den Begründer der Logotherapie) kennen. Als Psychologe in psychiatrischen Anstalten beobachtet er mit wachsender Besorgnis, wie Eintönigkeit und Untätigkeit die Patienten und Patientinnen bis hin zu totaler Passivität lähmen. Das Heilmittel dagegen sieht er in der Arbeit. Und zwar nicht in Makramee  und im Töpfern von Aschenbechern, sondern in einem richtigen, bezahlten, wirtschaftlich sinnvollen Job, der auch die Persönlichkeit und die brachliegenden Fähigkeiten entwickelt. Und das am besten auf dem Land, fernab von grossstädtischer Hektik.

Olot liegt auf dem Land. In den katalanischen Pyrenäen, ist Hauptort der Comarca (Verwaltungseinheit) Garrotxa, der wohl bedeutendsten Vulkanlandschaft Spaniens. 1982 wird das Gebiet zum Nationalpark (Parc Natural de la Zona Volcànica de la Garrotxa) erklärt. Hier wächst ein riesiger, für die mediterrane Vegetation vollkommen untypischer Buchenwald: Fageda d’en Jordà: https://de.wikipedia.org/wiki/Olot

In Olot spricht Cristóbal Colón beim Bürgermeister vor. Der Psychologe trägt Bart, langes Haar und diesen komischen Namen. Er hat keine konkrete Geschäftsidee und kann kein Katalanisch. Und sagt diesen Satz, der später gern zitiert wird: „Ich komme aus einer Irrenanstalt und möchte zusammen mit 14 Leuten von dort ein Unternehmen gründen“.  

Irgendwie muss er den Bürgermeister überzeugt haben. 1982 gründet Cristóbal Colón mit Mitstreitern eine Genossenschaft. Sie nennen sie La Fageda, „Der Buchenwald“. Die ersten Auftragsarbeiten sind leichte Nähereien, in der Art von gestickten Heiligenbildern.  Als die Genossenschaft 1984 den Hof Els Casals erwerben kann, 15 Hektaren, im Herzen des Nationalparks gelegen,  werden Kühe gekauft. Eine lange Such- und Versuchsphase beginnt. 1993 beschliessen die Genossenschafter, sich auf Milcherzeugnisse zu konzentrieren. Ein verrückter Entschluss! Milch ist heikel zu verarbeiten, es braucht teure Maschinen und eine ausgeklügelte Logistik für die Belieferung des Marktes, der überdies von den Branchenriesen Danone und Nestlé dominiert wird. Aber Cristóbal Colón rechnet sich eine Chance aus: „Die beiden Grossen besitzen alles – aber keine einzige Kuh“:  http://www.ieseinsight.com/doc.aspx?id=984&ar=3

Auf dem Hof von La Fageda hingegen weiden 500 Kühe. Sie liefern den Rohstoff für rund ein Dutzend Produkte wie Natur- und Fruchtjoghurt, Glacen und Flans. Heute setzt La Fageda jährlich 3,5 Millionen Joghurts ab, verkauft in Supermärkten. Damit ist die Genossenschaft die drittgrösste Joghurtproduzentin Kataloniens. Der Umsatz beträgt rund 14 Millionen Euro.

Wachstum verändert. Auch La Fageda musste sich anpassen. Hauptaufgabe der Kooperative ist es, Arbeitsplätze für psychisch Behinderte anzubieten; gemäss Statuten sollen sie 70 Prozent der Arbeitsplätze halten. Um richtig ins Geschäft zu kommen, brauchte La Fageda zunehmend gut ausgebildete Profis. Deshalb haben sich zur Ur-Genossenschaft zwei  Stiftungen gesellt: die Stiftung SAG (Servicio de Asistencia de la Garrotxa), die die nichtkommerziellen Beschäftigungen verantwortet, und die Stiftung Sentido, die Dienstleistungen wie Buchhaltung, Personalwesen, Kommunikation usw. für den ganzen Betrieb übernimmt: http://www.compromisoempresarial.com/entradas/2007/06/la-fageda-una-historia-de-exito/

Heute sind La-Fageda-Joghurts, um im Bild zu bleiben, in aller Munde. Dabei verzichtet das Unternehmen auf Werbung, um die Mitarbeitenden keiner Kommerzialisierung auszusetzen.  Dafür profitiert die Genossenschaft vom Nationalpark, der jährlich von über 30‘000 Personen besucht wird. Viele von ihnen schliessen eine Tour durch La Fageda an, zu der auch eine Degustation gehört. Cristóbal Colón ist felsenfest überzeugt, dass niemand seine Joghurts aus Mitleid mit Behinderten kauft. Die Millionen gehen weg, weil sie so gut schmecken. Selbstverständlich sind es „die besten der Welt“, sagt er. Und nicht nur er!

Übrigens: In der Region Garrotxa  beträgt die Arbeitslosenquote für Menschen mit psychischer Behinderung heute null Prozent; in der Provinz Katalonien 95 Prozent: http://www.cecop.coop/Cooperatives-Territories-and-Jobs-Twenty-experiences-of-cooperatives-active-in

 (2015)

http://www.fageda.com/

La Fageda

Mas Els Casals, s/n,

17811 Santa Pau, Girona, Spanien

 

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