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5 von 56 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Amar Latif in Grossbritannien: Der blinde Reiseführer lehrt das Sehen...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Peter Mabeo in Gaborone: Der Selfmademann in Botswana macht  mit seinen Möbeln Weltkarriere...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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 Amar Latif, Grossbritannien:

Ein Blinder lehrt das Sehen

 

„Wenn du etwas haben möchtest, was es auf dieser Welt nicht gibt, dann erschaffe es oder lerne, ohne es zu leben.“ Was nach Kalenderspruch tönt, war für den 1974 in Glasgow geborenen Amar Latif der Start zu einem Leben voller Abenteuer. Der heute in Leeds lebende Schotte ist blind. Als Kind erkrankte er an einer Netzhautdegeneration, und als er 19 Jahre alt war, hatte er sein Augenlicht praktisch vollständig verloren. Er hatte gerade zu studieren begonnen, Mathematik, Statistik, Finanzwesen, und träumte vom Reisen. Ein Jahr studierte er in Kanada, aber das regte seinen Appetit erst recht an. Doch kein Reisebüro war bereit, ihm ein Ticket zu verkaufen. Dann, sagte er sich eines Tages, mache ich das eben selber.

Zum Entsetzen seiner Eltern hängte er seinen gut bezahlten Job an den Nagel und gründete 2004 sein eigenes Reisebüro: Traveleyes, spezialisiert auf Reisen für Sehbehinderte. Auf Abenteuerreisen für Sehbehinderte, um genau zu sein: http://traveleyes-international.com/blind-travellers/

Das Reisebüro offeriert Arrangements auf allen Kontinenten mit Destinationen auf Hawaii bis Costa Rica, auf der Insel Yucatan in Mexiko und am Franz-Josef-Gletscher in Neuseeland. Auf einem Werbefoto sieht man Amar Latif vor der Inkaruine Machu Picchu in Peru: ein Reiseführer mit Blindenstock.

 

Jede Traveleyes-Reise wird in gemischter Gruppe durchgeführt. Die Aufgabe der Sehenden ist es, den Blinden ihre Augen zu leihen und die Landschaften oder Sehenswürdigkeiten so anschaulich wie möglich zu beschreiben; dafür bezahlen sie geringere Reisekosten. Die Blinden wiederum lehren die Sehenden richtig zu schauen: indem letztere nicht einfach alles bloss abfotografieren können, sondern genau hinsehen, überlegen und dann beschreiben müssen. Und manchmal wechseln auch die Rollen: Beim Huckepack-Skydiving in Kuba schlossen einige beim Sprung aus Angst die Augen, während Amar Latif sie weit öffnete, sich dem Wind geradezu in die Arme warf und später die absoute Freiheit bejubelte, die er gespürt hatte.

 

Er ist nun mal einer, der gern an die Grenzen geht. 2005 lud ihn die BBC ein, für die Serie „Beyond Bounderies“ gemeinsam mit einem Dutzend Körperbehinderter Nicaragua vom Atlantik bis zum Pazifik zu durchqueren. Die Rollstuhlfahrer, Armamputierten, Beinprothesenträger und der Blinde kämpften sich durch Dschungelwälder, stiegen zu Vulkanen hinauf, wateten durch Flüsse und ruderten über Seen. Vollkommen verrückte 21 Tage, muskelzerrende  350 Kilometer lang. Um diese Tortur durchzustehen, habe Höchstleistung nicht genügt, sagt Amar Latif. Das blieb nicht seine einzige Herausforderung. In Australien führte er eine Gruppe Behinderte durch den Outback, setzte sich ans Steuer eines Autos, navigierte ein Motorflugzeug. Solche Tollkühnheiten haben ihm in Grossbritannien Tür und Tor geöffnet. Heute moderiert er im Fernsehen, führt Regie bei Dokumentarfilmen, tritt als Schauspieler auf, spielt auf einem Waschbrett in einer Band.

So bemerkenswert wie seine Vielseitigkeit ist seine Fähigkeit, Herz und Kommerz zu verbinden. Als kleiner Junge organisierte er, nachdem er einen Verkehrsunfall gesehen hatte, eine Art Krämerladen bei sich zu Hause, damit die Nachbarskinder die gefährliche Strasse zum Kiosk nicht überqueren mussten. Dass ihn die Medien meistens als behinderten Unternehmer titulieren, stört ihn nicht – solange dieses Etikett das Geschäft belebt.

Aber man sollte sich nicht täuschen. Der gut aussehende Mann mit dem einnehmenden Lachen kennt auch Verzweiflung und Abgründe. Es gebe keine Worte, die Ängste und Verlassenheit zu beschreiben, die ihn mit zunehmender Blindheit befallen hätten, sagt er. Dann habe er sich gefragt, ob er das Leben eines behüteten, aber auch gegängelten Behinderten führen wolle – oder sich voll einbringen und dafür die Unabhängigkeit gewinnen. Die Antwort ist bekannt. Das Abenteuer Leben des Amar Latif geht weiter.     (2017)

http://amarlatif.com/

 

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