Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

5 von 44 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

weiterlesen

 

Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

weiterlesen

Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

weiterlesen

 

Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

weiterlesen

 

            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

weiterlesen
 
 
 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

weiterlesen

David Van Reybrouck:

Demokrat aus Leidenschaft

Der Belgier war in seiner Heimat bereits bekannt als Verfasser von Gedichten, Theaterstücken und Romanen, doch den internationalen Durchbruch schaffte er mit einem Sachbuch: „Kongo“, 2010 erschienen (deutsch 2012 bei Suhrkamp), ein ebenso gewichtiges (in beiderlei Wortsinn) wie hinreissend geschriebenes Werk über die Geschichte dieses afrikanischen Landes. Und nun macht David Van Reybrouck wieder von sich reden, diesmal als Verfechter der Demokratie, um derentwillen er verlangt: Schafft die Wahlen ab!

Mit dem  Kongo(-Kinshasa) verbinden ihn familiäre Beziehungen; sein Vater arbeitete dort als Ingenieur bei der Eisenbahn. Mit der Demokratie beschäftigt er sich als Archäologe, Ethnologe, Historiker – und vor allem als wacher Zeitgenosse. Was er sieht, besorgt ihn, nämlich lauter Missstände, die er auf ein Missverständnis zurückführt. Drei Jahre lang hat der „leidenschaftliche Demokrat“ (Selbsteinschätzung) geforscht, die Schriften der Alten gelesen und analysiert (und dabei Unbekanntes ans Tageslicht befördert), hat nachgedacht und dann seinen Befund in einer kleinen Schrift zusammengefasst, der er einen kämpferischen Titel verpasste: „Gegen Wahlen“ (deutsche Ausgabe 2016 im Wallstein-Verlag).

In den Augen David Van Reybroucks ist die Demokratie eine Patientin; das macht er durch den Aufbau des Essays deutlich mit den Kapiteln:  Symptome, Diagnosen, Pathogenese und Therapie. Seiner Analyse wird man zustimmen, denn es ist wahr, dass breite Teile des Volkes demokratiemüde geworden sind, dass die Kritik an den Gewählten immer gehässiger und die Wahlkampagnen immer primitiver werden (er hat das Buch vor dem US-Wahlkampf 2016 geschrieben). Mitschuld am miserablen Zustand der Demokratie sind seiner Ansicht nach eben gerade die Wahlen. Zwar stehen sie heute als Synonym für Demokratie schlechthin, aber das, schreibt David Van Reybrouck, sei ein historischer Irrtum!

Hunderte von Jahren, von der Antike bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, galten Wahlen nicht als demokratisches Instrument; man praktizierte das Losverfahren, das grössere Chancengleichheit versprach. Diese Politlotterie verschwand mit der us-amerikanischen (1776) bzw. der französischen Revolution (1789). Und David Van Reybrouck tritt nun an, das Losverfahren wieder beliebt zu machen. Es erlaube eine echte Bürgerbeteiligung, belebe die gefährdete Demokratie neu und gewähre eine höhere Legitimität: „Es bringt die Politik zurück zu den Bürgern.“  Deliberative Demokratie wird diese Art der Bürgerbeteiligung genannt: https://de.wikipedia.org/wiki/Deliberative_Demokratie. Seit den 1990er Jahren debattiert man darüber unter Akademikern. Dem schreib- und wortgewandten Belgier gelingt es, die Diskussionen über den Insiderkeis hinaus zu hieven.

Man muss seine Ansichten nicht teilen. Man muss auch keine so hohe Meinung seiner Mitmenschen haben und glauben, dass die per Los ausgewählten Bürgerinnen und Bürger unabhängiger, sachbezogener und anständiger politisieren als die Gewählten. Aber man muss eines tun: Das Buch lesen! Denn David Van Reybrouck schreibt engagiert, bisweilen pointiert, aber klug, verständlich und nachvollziehbar. Selbst Nebenschauplätze sind noch spannend, etwa jener über den Einfluss der belgischen Verfassung auf zahlreiche andere Nationen, u.a. auch auf die der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Mag das Losverfahren in der Verkürzung (auch hier) angreifbar, gar lächerlich tönen: In seinem Essay wirkt die Idee inspirierend, und man folgt ihm gern bis zu seiner Schlussfolgerung, die er als Forderung formuliert: Warum es nicht einmal mit dem Losverfahren versuchen?!

Ja, warum nicht? Seine zitierten Praxisbeispiele aus Island, Irland, USA oder Brasilien sind einnehmend. Nur zwei seien erwähnt: In Porto Alegre (Brasilien) entschied ein Bürgerausschuss über einen Teil des Staatsbudgets, im Ölstaat Texas stehen dank Bürgerbeteiligung die meisten Windräder der USA. Gut zu wissen!

Der deutsche Tagesspiegel zählt David Van Reybrouck zu den “führenden jungen Intellektuellen Europas“ : http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/david-van-reybrouck-wahlen-sind-ein-primitives-instrument/9941860.html. Er ist ein gefragter Interviewpartner, tritt auch im Kinofilm „Tomorrow– Die Welt voller Lösungen“ auf. Beherrscht mehrere Sprachen, ist selber ein passionierter Leser, hält viel von Camus, liebt die Natur. Ein Multitalent, aber kein Theoretiker: Als Belgien 2010/11 mehr als 500 Tage ohne Regierung war, initiierte er den G1000, eine Form der Bürgerbeteiligung, bei der nicht der Protest, sondern die kollektive Beratung im Mittelpunkt stand. Die Teilnehmenden waren in einem mehrstufigen Verfahren ausgelost worden; sie legten das Forumsprogramm selber fest und erarbeiteten in Gruppen mehrere Dutzend konkrete Vorschläge für soziale und politische Problemlösungen. Vorgegeben war nur das Datum: der 11.11.2011. Als Ziel waren 1000 Teilnehmende gesetzt, 700 kamen; auf eine Stimmbeteiligung umgerechnet kein schlechter Schnitt:  http://www.g1000.org/de/einleitung.php

Es erstaunt wenig, dass David Van Reybrouck für seinen Wahl-Kampf nicht nur gute Presse erhält, dafür ist er zu provokant. Aber wer über den eigenen Tellerrand hinausschaut und sich fragt, wie und warum eine Demokratie nach unseren Denkmustern in Ländern Afrikas oder Asiens funktionieren sollte, findet bei ihm Denkstoff.  In den traditionellen Gesellschaften anderer Kontinte hätten sich eigene Formen von Mitbestimmung erhalten, schreibt er, zum Beispiel Dorfversammlungen, traditionelle Konfliktvermittlungen, althergebrachte Rechtsprechung. Leider werden sie vom „Westen“ nicht als gleichwertig anerkannt. Als ob das Ausfüllen von Wahlzetteln fortschrittlicher wäre! Bekanntlich lassen sich auch Diktatoren ihre Macht an der Urne besiegeln. (2016)

http://www.davidvanreybrouck.be/

 

  Startseite