Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

5 von 53 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Amar Latif in Grossbritannien: Der blinde Reiseführer lehrt das Sehen...

weiterlesen

 

Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

weiterlesen

Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

weiterlesen

 

Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

weiterlesen

 

            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

weiterlesen
 
 
 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

weiterlesen

Nawneet Ranjan, Mumbai, Indien:

Die Apps der indische Mädchen

 Nawneet Ranjan glaubt noch an die Zukunft, und dass sie besser werden kann. Die dafür notwendige Wandlungskraft und Gestaltungsmacht sieht der Inder bei den Frauen. Und darum verliess der Theater- und Filmemacher seinen Job als Kunstlehrer in San Francisco, um im indischen Mumbai das Dharavi Diary Project aufzuziehen. Und weil er an eine weibliche Zukunft glaubt, richtet er sich an Mädchen: er lehrt sie, mit Computern zu arbeiten und eigene Apps zu entwickeln.

Das passt zu Indien, aber irgendwie nicht zur Umgebung des Projekts. Mit rund einer Million Menschen ist Dharavi einer der grössten Slums der Welt. Nawneet Ranjan lernte diese Stadt in der Stadt kennen, als er 2011 einen Dokumentarfilm darüber drehte. Der Film wurde an verschiedenen Festivals gezeigt, aber davon hatten die Slumbewohnerinnen und –bewohner nichts. Nawneet Ranjan beschloss, wenigstens im Kleinen etwas verändern zu wollen. Er plünderte sein Sparbuch, zog nach Mumbai und investierte die 30‘000 Dollar in eine mitten im Slum gelegene Ausbildungswerkstatt für Mädchen. Während seiner Filmrecherchen hatte er beobachtet und sich wie so viele Aussenstehende darüber gewundert, dass auch sehr arme Familien über ein Smartphone verfügen. Diese Geräte sind (gebraucht) einigermassen erschwinglich und können den beschwerlichen Alltag ganz erstaunlich erleichtern. Da also wollte der Filmemacher ansetzen.

 

Er nahm Kontakt auf mit dem online-Programm Technovation Challenge, das weltweit junge Frauen dazu ermuntert, sich IT-Kenntnisse anzueignen: http://technovationchallenge.org/ und startet mit 15 Mädchen. Und sie lernten schnell. Einige hatten schon Computerlektionen in der Schule gehabt, die allerdings nur aus Powerpoint-Vorträgen bestanden; die Geräte selber hatten sie dort nicht anrühren dürfen. Hier nun, inmitten des Slums, begannen sie, eigene Applikationen zu entwerfen  und zu kodieren. Die 14jährige Fauzia Aslam Ansari schuf eine App, die das Wasserholen im Viertel  koordiniert. „Unser Viertel wird nur am Abend während etwa zwei Stunden mit Wasser versorgt. Frauen und Mädchen stehen mit ihren Eimern lange Schlange, bis sie an der Reihe sind. Da gibt es oft Streit, wenn sich eine vordrängelt. Meine App informiert die Leute, wenn sie an der Reihe sind. Das erspart die Warterei. Diese Zeit können wir besser nutzen, zum Beispiel für Schulaufgaben.“ Ansuja Madiwal, 15 Jahre alt, erfand eine SMS-Notruf-App, die sie „Women fight back“ nennt; wer bedroht wird, soll damit um Hilfe rufen können. Vom Teenager Roshni stammt die App Padhal Hai Meri Haq: sie enthält das Hindi-Alphabet, einfache Rechnungen und  ein paar Brocken Englisch; gedacht ist sie für Kinder, die nie eine Schule von innen sehen werden.

Um ein Klischee zu bemühen: Indien ist voller Widersprüche. Einerseits sind mehr als ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner Analphabeten, andrerseits will Premierminister Modi sein Land mit einer IT-Förderungs-Kampagne an die Weltspitze der Mobil-Kommunikation hieven. Und darum passt Nawneet Ranjans Initiative gut zum Zeitgeist. Weil aber inzwischen fast eine Milliarde Inderinnen und Inder ein Smartphone benutzen, sind die Telekommunikationsanbieter überfordert. An vielen Orten ist die Verbindung miserabel, können keine Wi-Fi-Signale empfangen werden. So auch im Slum Dharavi. Das bremst die Lust, die von den Mädchen entwickelten Apps herunterzuladen. Was es nicht bremst, ist die Begeisterung der IT-Novizinnen. Denn die technischen Fähigkeiten sind nur das eine, das sie erlernen. Die mehr als 200 Jugendlichen im Alter von 8 bis 16 Jahren, die das kleine Labor täglich aufsuchen, gewinnen durch diese Schulung auch Selbstbewusstsein. Ansuja Madiwal zum Beispiel will Computer-Ingenieurin werden; die Halbwaise, deren Vater vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben ist und deren Mutter sich mehr schlecht als recht durch den Alltag boxt, hätte ohne dieses Projekt von so einem Beruf noch nicht einmal zu träumen gewagt. Mag die Infrastruktur Indiens auch lottern: was die Mädchen gelernt haben, wird ihnen niemand mehr nehmen können.                                                                                                                                        (2017)

                                                                                                                                

  Startseite