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5 von 65 gut & drauf:


Gesellschaft

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Kreativ gestaltet

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Sinnvoll profitiert

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            Alter

Voller Leben

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

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Ingeborg Rapoport, Berlin

Mit 102 Jahren zum Dr. promoviert 

Rund 70 Jahre liegen zwischen ihrer schriftlichen und mündlichen Doktorarbeit, liegen ein Leben in Ländern mit gegensätzlichsten politischen Systemen, eine Familiengründung, eine grosse berufliche Karriere, Anerkennung und viele Auszeichnungen und Preise. Und dennoch setzte sich Ingeborg Rapoport mit hundert Jahren nochmals hinter die Bücher, um ihre Promotion zu erhalten, die es für die Doktorwürde braucht. Warum tat sie sich das an? Der Titel  bedeute ihr nichts, sagte sie nach vollbrachter Prüfung gegenüber den Medien; sie habe es für die Opfer gemacht, die unter den Nazis von den Universitäten gewiesen worden seien; sie habe damit einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte leisten wollen. Zu diesen Opfern zählte sie selber.

Die 1930er Jahre sind ein finsteres Kapitel auch für die Hochschulen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nahmen Ausgrenzung und Entrechtung überhand. Rund 2000 Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler wurden ins Exil gezwungen, unter ihnen 24 zeitgenössische oder spä­te­re No­bel­preis­trä­ger wie Al­bert Ein­stein oder Otto Stern. Auch an Ingeborg Rapoports Alma Mater wurde Juden die Lehrbefugnis entzogen und „nichtarische“ Studenten aus den Vorlesungssälen vertrieben: http://www.igdj-hh.de/files/IGDJ/pdf/hamburger-beitraege/lorenz-berkemann_hamburger-juden-im-ns-staat-6.pdf

Sie selber hatte noch Glück. Wie drei Fünftel der damaligen jüdischen Studenten in Hamburg studierte sie Medizin. Schon als Kind hatte Inge, wie sie gerufen wurde, Ärztin werden wollen. Operierte den Teddybär am Blinddarm und war bitter enttäuscht, als statt dem Wurmfortsatz nur Sägemehl zu entfernen war. Die „leidenschaftliche Hingabe an die Medizin“ (Inge Rapoport) hielt ein Leben lang an.

Geboren wurde Inge Syllm 1912 in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, aber aufgewachsen ist sie in Hamburg. Die Ehe ihrer Eltern war nicht glücklich, zu verschieden waren die Interessen: Die Mutter, Maria Feibes, war eine begabte Pianistin, der Vater hatte kein Musikgehör. Sie entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie, er war minderbemittelt. Als Inge fünfzehn Jahre alt war, verliess der Vater die Familie wegen einer anderen Frau (die ihn dann doch nicht wollte). Zurück blieb die Mutter mit zwei Kindern; Einzug hielten Armut, Bitterkeit, Überlebenskampf.

Dass Inge es dennoch in das den höheren Töchtern wohlhabender Familien vorbehaltenInge SyllmInge Syllme private Heilwig-Lyzeum schaffte, verdankte sie wohl ihrem Familiennamen: die Syllms waren einst eine angesehene Patrizierfamilie gewesen, die sogar zweimal Hamburgs Bürgermeister gestellt hatten. Das zählte in den zwanziger Jahren noch etwas. An ein Studium war aber aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Die Mutter erteilte Klavierstunden, aber der Verdienst reichte gerade so. „Jüdischstämmige“, wie man auch Inge Syllm etikettierte, erhielten keine Stipendien. Doch eine grosszügige (Geschichts-)Lehrerin zeigte sich bereit, die Kosten zu übernehmen; von ihr erbte Inge auch das Lebensmotto, an das sie sich als Forscherin hielt: „Man muss den Mut haben, sich zu blamieren.“

Zu ihren Professoren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gehörte der Pädiater Rudolf Degkwitz, einer der wenigen Regimegegner im Lehrkörper. Bei ihm bewarb sie sich für ihre  Doktorarbeit zu einem aktuellen Thema: Diphtherie. Bis in die vierziger Jahre wurde Deutschland (und die Schweiz) immer wieder von Diphtheriewellen heimgesucht, einer Krankheit, die oft mit dem Tod endete. 1937 wurde ihre schriftliche Arbeit angenommen, aber die mündliche Prüfung wurde ihr verwehrt. Grund: die jüdischen Wurzeln mütterlicherseits.

Da es für Inge Syllm im Deutschland der Nazionalsozialisten keine Zukunft gab, übersiedelte sie 1938 in die USA. Hier musste sie nochmals eine mehrjährige Ausbildung zum „medical doctor“ absolvieren, da das deutsche  Studium nicht anerkannt wurde. Die USA entpuppten sich allerdings nicht als der sichere Hafen, wo sie ungestört leben, arbeiten und forschen konnte. Jedenfalls nicht mehr, nachdem sie Samuel „Mitja“ Rapoport kennengelernt und geheiratet hatte, auch er ein Inge und Mitja Rapoport mit ihren drei KindernInge und Mitja Rapoport mit ihren drei Kindernhervorragender Forscher und Biochemiker (später von Weltrang). Beide waren bekennende Kommunisten, was in der McCarthy-Aera der fünfziger Jahre Berufsverbot, Gefängnis oder Exil bedeuten konnte. Als die Rapoports ins Visier des Komitees „gegen unamerikanische Aktivitäten“ gerieten und sich die Schlinge immer enger zusammenzog, kehrte Samuel Rapoport 1950 nicht mehr von  einem medizinischen Kongress in Zürich in die USA zurück. Inge Rapoport, hochschwanger, gelang es, heimlich mit ihren drei Kindern aus den USA zu flüchten. Sie hätten gern in Österreich gelebt, da Samuel Rapoport diese Staatsbürgerschaft besass; aber der lange Arm des antikommunistischen Amerikas verbaute jede Chance auf eine Stelle. Auch Russland zeigte die kalte Schulter. Den beiden Kommunisten blieb die DDR. 1952 zogen sie nach Ost-Berlin. Inge Rapoport arbeitete ab 1964 an der Charité; sie besetzte ab 1969 den ersten europäischen Lehrstuhl für Neonatologie und baute ab 1970 das Perinatalzentrum auf. Deshalb gilt sie als Begründerin der Neugeborenenheilkunde in Ostdeutschland.

Noch ein Titel, der sie nicht interessierte. Wichtiger sei ihr gewesen, dass es gelungen sei, die Säuglingssterblichkeit in der DDR deutlich zu senken, schreibt sie in ihrer Autobiographie „Meine ersten drei Leben“.

Eines Tages, Ingeborg Rapoport war schon seit langem emeritiert, hörte der lettische Professor Uwe Koch-Groms, Dekan der Universität Hamburg, seinerseits eine Kapazität der Medizin, von der verweigerten Promotion. Nationalsozialismus an den Hochschulen war lange ein Tabu gewesen. Erst in den 1980er Jah­ren be­gann die wis­sen­schaft­li­che Er­for­schung des „Hoch­schul­all­tags im Drit­ten Reich“: https://www.uni-hamburg.de/newsletter/Wissenschaft-unterm-Hakenkreuz-Vor-80-Jahren-kam-es-zum-bdquo-akademischen-Aderlass-ldquo-an-der-Hamburger-Universitaet.html

Uwe Koch-Groms beschloss, dieses erlittene Unrecht wiedergutzumachen. Er nahm mit Inge Rapoport Kontakt auf. Das war nicht so einfach: Sie war inzwischen halb blind, nicht mehr gut zu Fuss, auch etwas harthörig und vor allem schon viele Jahre weg vom Beruf. Einen Doctor honoris causa lehnte sie ab; wenn schon Ehre, wollte sie diese erarbeiten. Ihre Schwiegertochter und Freunde unterstützen sie bei den Recherchen und halfen ihr, sich auf den neusten Forschungsstand über Diphtherie zu bringen, über den sie geprüft werden sollte. 2015 war sie bereit. Die Prüfung durfte sie Zuhause in Berlin-Pankow ablegen. Die drei aus Hamburg angereisten Professoren gestanden nachher, sie seien beseelt aus diesem Erlebnis gegangen. Inge Rapoport bestand mit magna cum laude, war aber nicht mit sich zufrieden. Früher hätte sie besser geantwortet, gestand sie dem Tagesspiegel.

2017 starb Prof Dr. Dr. Rapoport im Alter von 104 Jahren. Immer noch überzeugte Kommunistin, die das Ende der DDR bedauert hatte. Die nie eine fleissige Studentin gewesen sei, wie sie behauptet, sich im hohen Alter aber nochmals einem Prüfungsstress unterzogen hatte allein aus dem Grund, die breite Öffentlichkeit an diese Opfer der Nazi-Diktatur zu erinnern. Das ist ihr gelungen.                                                                                                                                                                                    (2019)

 

Ingeborg Rapoport: Meine ersten drei Leben. Nora-Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide, 2. Auflage 2002