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5 von 44 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Cairo Geniza:  

Hundert Jahre Schnitzeljagd mit 300’000 Teilen

 

Teil aus dem Fund Cairo GenizaTeil aus dem Fund Cairo GenizaDie Schnitzeljagd mit mehr als 300 000 Teilen, die während hundert Jahren unzählige Wissenschafter beschäftigt hat und heute auch Computer einbezieht, beginnt mit zwei Schwestern, deren Namen viele Quellen nicht einmal erwähnen.

Margaret und Agnes Smith heissen sie. 1843 als Zwillinge geboren, wuchsen sie in Schottland auf in einer Epoche, in der die Damen Korsetts und Schutenhüte trugen. Die Schwestern bevorzugten allerdings Tropenhelme. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater, ein Rechtsanwalt und Selfmademan, erzog die Töchter, als wären sie Söhne, schulte sie in eigenständigem Denken, liess sie reiten und förderte ihre Sprachbegabung, indem er ihnen Reisen versprach in jedes Land, dessen Sprache sie erlernten. Als sie in schönem Alter starben, Agnes mit 83 und Margaret mit 77 Jahren, beherrschten sie zwölf Sprachen, neben gängigen wie Spanisch und Französisch auch Hebräisch, Persisch, Neugriechisch, (Alt)Syrisch…

 

Eben volljährig geworden, verloren sie auch den Vater. Immerhin hinterliess er sie nicht mittellos. Das erlaubte ihnen, ihrer Reiseleidenschaft zu frönen. Sie besuchten Griechenland, Zypern, Palästina und Ägypten, wobei sie nicht die bequemsten, sondern die faszinierendsten, sprich: schwierigsten Routen wählten; zumindest unterschiebt ihnen das mit einem Augenzwinkern die kanadische Theologin und Philosophin Janet Soskice in ihrem Buch „Sisters of Sinai“ – siehe unten. Was sie unterwegs erlebten, hielt Agnes, die ältere, in Tagebüchern fest; sie veröffentlichte Reisebücher, Romane und Übersetzungen von Touristenführern.  

Ach ja, verheiratet waren die beiden auch, Agnes mit Herrn Lewis und Margaret mit Herrn Gibson, aber beide verwitweten nach wenigen Ehejahren.

Bekannt wurden die Zwillinge durch einen sensationellen Fund: In der Bibliothek des Katharinenklosters am Berge Sinai, das sie 1892 besuchten, wurde ihnen eine Schrift gezeigt, die sie fotografierten und studierten, und die sich als eine Version der Heiligen Schrift in Altsyrisch entpuppte, also in jener Sprache, die vermutlich Jesus Christus gesprochen hat. Sensibilisiert durch diese Kostbarkeit, griffen sie einige Jahre später, 1896 in Ägypten, zu, als ihnen ein Buchverkäufer ein Bündel aus zerrissenen, zerknautschten und zerfledderten Seiten anbot.

 

Zurück in Cambridge, wo die Schwestern Lewis-Gibson inzwischen lebten, lief Agnes eines Tages Solomon Schechter über den Weg. Die Autoren Anna Hoffmann  und Peter Cole schildern diese Begegnung farbenfroh und anschaulich in ihrem Buch “Sacred Trash” – siehe unten. Der Talmudgelehrte Schechter erkannte sofort, was Agnes ihn anzusehen gebeten hatte. Er war so angetan, dass er selber gen Süden reiste, um über die Dokumente zu verhandeln, die heute als „Cairo Geniza“ bekannt sind.

Geniza (auch Genisa oder Genizah) sind vermauerte Hohlräume in Synagogen, die als Ablage für Dokumente aller Art genutzt wurden. Den Juden war es verboten, etwas zu vernichten, das den Namen Gottes trug, wobei sie diesen Gedanken schliesslich auf alles ausdehnten, was in hebräischen Buchstaben geschrieben war. Diese Verstecke gerieten oft komplett in Vergessenheit, und so kommt es bis heute immer wieder zu Entdeckungen, auch in Europa; keine war aber so spektakulär wie die in Fustat.

Fustat war ein Vorort im Kairo des 7. Jahrhunderts, wo vor allem die jüdische und koptische Bevölkerung lebte. Im 11. Jahrhundert bauten Juden die Ben-Esra-Synagoge, vermutlich auf den Mauern einer christlichen Kirche. Ihre Geniza richteten sie im oberen Stockwerk der Synagoge ein, erreichbar nur über eine Leiter. Jahrhundert später also quetschte sich der beleibte Solomon Schechter durch eine enge Maueröffnung der Ben-Esra-Synagoge, um gleich darauf, so stellen wir uns das jedenfalls vor, bis zu den Knien in alten Schriften zu versinken. Nicht alle waren aus Papier, sondern es gab auch solche aus Pergament, Papyrus und sogar Kleiderstoffen, aber alle vergammelt und verschmutzt, abgelegt, aber nicht abgestorben.

Der Talmudgelehrte bediente sich mit beiden Händen, wie es damals üblich war. Angeblich soll er drei Viertel der Manuskripte nach England gebracht haben und einen beträchtlichen Teil weiter nach New York, wohin er später als Präsident des Jewish Theological Seminary berufen wurde. Diese Mitnahmepraxis verfolgten auch andere: Heute sind Reste aus Cairo Geniza in 67 Bibliotheken und privaten Sammlungen verstreut, von Paris bis Manchester, von New York bis Genf, von Wien bis Budapest.

Und das ist das Problem. War das Problem. Keine Seite ganz, manche Schnipsel klein wie ein Fingernagel, eine unüberschaubare Flut aus 300'000 Stücken und Stücklein in Hebräisch, Arabisch, Aramäisch verstreut über die halbe Welt. Zwar beugten sich alsbald Gelehrte, Wissenschafter, Forscher, Sammler und Museumsdirektoren über die Teile und Teilchen, auch Assistentinnen, denn allein schon zu reinigen, zu bügeln und in Plastikmäppchen zu versorgen brauchte viel Zeit. In Cambridge mit seinen etwa 60 Prozent der Cairo-Geniza-Dokumente sollen mehr als 100 000 Folienmäppchen eingetütet worden sein. Aber hundert Jahre lang vermochte niemand, die Bruchstücke komplett zusammenzusetzen.

Einem gelang es.

Der Quantensprung in dieser Schnitzeljagd wäre wohl ohne Albert Friedberg nicht erfolgt. Friedberg ist ein schwerreicher Unternehmer aus Toronto, Kanada, der sich für jüdische Geschichte interessiert. Er hatte das Geld, und in Israel fand er das Know-how. Der Computerwissenschafter Professor Yaacov Choueka wurde mit einem Projekt betraut, die Geniza-Fundstücke digital zu erfassen und eine Methode zu finden, mit der sie zusammengefügt werden konnten. Mit an Bord waren die Computerwissenschafter Nachum Dershowitz und Lior Wolf von der Universität Tel Aviv. Sie entwickelten ein Computerprogramm, das ähnlich wie eine Gesichtserkennungssoftware funktioniert. Der Computer vergleicht die Puzzleteile anhand von Buchstabengröße, Zeilenlänge, individueller Handschrift oder Farbe und Helligkeit des Papiers und der Tinte und setzt die passenden Stücke automatisch zusammen – siehe Video unten. Jetzt, da der Computer puzzelt, können sich die Forscher ganz den Inhalten widmen. Und was zum Vorschein kommt, stösst das Fenster zu tausend Jahren jüdischer Geschichte weit auf: http://www.genizah.org/TheCairoGenizah.aspx

Der alte Schatz besteht aus religiösen jüdischen Gesetzen, Liturgie und Poesie, Auslegungen der Bibel, sogar Originalmanuskripten des bedeutenden Philosophen Maimonides aus dem 12. Jahrhundert: https://de.wikipedia.org/wiki/Maimonides

Ebenso gibt es profane Zeugnisse aus Wirtschaft und Handel, Korrespondenzen von Kaufleuten, Briefe besorgter Mütter an ihre Söhne, Heiratsverträge und Kaufabschlüsse. Die Dokumente erlauben auch Rückschlüsse über die Entwicklung der hebräischen Sprache und Grammatik. Und bergen eine Botschaft für uns Heutige: über das Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen zwischen dem 9. und 19. Jahrhundert. Nicht konfliktfrei, aber möglich. (2016)

 

Hoffmann, Adina/Cole, Peter:  Sacred Trash. The Lost and Found World of the Cairo Geniza. Nextbook/Schocken

Janet Soskice:  The Sisters of Sinai. How Two Lady Adventurers Discovered the Hidden Gospels .Alfred A. Knopf

 

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