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5 von 50 gut & drauf:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel Elisabeth Schwerin in Mittweida: schuf das soziokulturelle Zentrum Müllerhof...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Alfred Hedinger, Wilchingen:

Neuer Blick auf alten Handel

 

Nach der Matura hätte Alfred Hedinger gern Geschichte studiert, doch für das zeitlich lange Studium reichten die finanziellen Mittel nicht aus. Als zürcherischer Sekundarlehrer übte er den Beruf mit Hingabe 30 Jahre lang aus, die meiste Zeit in Zollikon. Sein Interesse an der Vergangenheit hielt ein Leben lang an. Und dann, da zählte er schon mehr als 70 Lenze, schrieb er ein Geschichtsbuch, das sehr wohl als Dissertation durchgehen könnte: „Der Wilchinger Handel 1717- 1729: Umfassender Herrschaftsanspruch und dörflicher Widerstand“.  Ein Buch mit Folgen: Das Ehepaar Hedinger zog von Zollikon nach Wilchingen; das 2006 publizierte Werk erhielt eine Auszeichnung der Zürcher Stiftung Kreatives Alter und wurde Grundlage für ein Festspiel 2009; die Gemeinde ernannte ihn zum Ehrenbürger.   

 

Wilchingen ist ein kleines Dorf im Schaffhauser Klettgau: http://www.wilchingen.ch/. Rund 1700 Bewohner,  Rebhügel, Felder mit Getreide und Kartoffeln,  schöne solitäre Nussbäume und Rosen, Rosen, Rosen, gepflanzt sogar vor den akuraten Rebreihen. Die Kirche thront oben auf dem Hügel, und an einem heissen Nachmittag sitzt Alfred Hedinger im Schatten einer Rosskastanie neben dem Kirchhof  und erzählt von dem Konflikt in längst vergangener Zeit. Er erzählt wie er schreibt, elegant, geschmeidig, auf das präzise  Detail achtend. Manchmal huscht ein Lächeln über sein Gesicht und schafft Distanz zur Tragik des Erforschten: „Es war faszinierend zu beobachten, wie aus einer Mücke ein Elefant erwuchs. Mit gesundem Menschenverstand hätte man das gütlich regeln können.“

Aber der war damals schon rar. Zwölf Jahre dauerte die Rebellion naiver Dörfler gegen eine überhebliche classe politique in der Stadt, ein Zwist, der sich wahrlich für ein Festspiel eignet mit seiner Melange aus Bestechung und Neid, Mobbing und Mord, Flucht und Fremdenfeindlichkeit. Und Frauenfeindlichkeit. Denn im  Epizentrum der Ereignisse steht eine Frau, Stubenursel genannt, eine Wirtin und (in unserem Sinn) moderne Unternehmerin, die sich nach dem Tod ihres Mannes nicht noch einmal verheiraten, sondern auf eigenen Beinen stehen und die Taverne allein weiterführen wollte. Nun konnte man im 18. Jahrhundert aber ohne obrigkeitlichen Segen nicht einfach eine Schenke eröffnen. Und üblicherweise diente das Gemeindehaus auch als Gaststube, so auch in Wilchingen. Stubenursels Ehemann, der Stubenjogg, hatte aber genau gegenüber dem Gemeindehaus eine Kneipe eröffnet, um eigenen und fremden Wein ausschenken zu können. Das erregte viel Unmut im Dorf, aber der Trauben Saft schmeckte trotzdem. Doch was man dem Stubenjogg gewährt hatte, wollte man der Stubenursel nach seinem Tod (1708) streitig machen. Schliesslich war sie, die Ursula Menrath  aus dem – keine sechs Kilometer entfernten – Neunkirch eine Zugeheiratete, also eine Fremde. Tüchtig zwar, die Wirtsstube immer voll, während dem offiziellen Gemeindewirt gegenüber die Gäste fehlten. „Sie muss unglaublichen Charme gehabt haben“, sinniert Alfred Hedinger. Und sie war schlau, sicher auch korrupt. Jedenfalls brachte sie den Rat in der Stadt Schaffhausen dazu, ihr das Tavernenrecht am 4. Mai 1717 zu erteilen.

 

Jetzt war im Dorf erst recht Feuer unter dem Dach, denn die Hoheit über das Tavernenrecht gehörte zu den Dorfprivilegien. Die Stubenursel wurde dermassen schikaniert, dass sie das Tavernenrecht zurückgeben wollte. Doch für eine friedliche Beilegung der Sache war es zu spät. Alfred Hedinger zeichnet auf 300 Seiten akribisch nach, wie sich der Konflikt ausdehnte und aufschaukelte, bald die umstrittene Taverne überstieg und zu einem Machtkampf zwischen bäuerlichen Untertanen und Obrigkeiten in der Stadt wurde. Die Bauern rebellierten, die Regierenden zeigten die eiserne Faust. Rädelsführer wurden in den Turm geworfen und gefoltert, Dörfler mussten ins Nahe Ausland fliehen, sich in Wäldern verstecken, hungern. Der Konflikt trug auch internationale Züge, denn im 18. Jahrhundert gewisse Gebiete des schweizerischen Klettgaus als Teil der Landgrafschaft formell noch zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Bittgänge brachten die Bauern sogar bis ins ferne Wien, aber keinen Frieden. Am Ende mussten die Wilchinger kleinbeigeben, hoch verschuldet und traumatisiert. Die Regierung in der Stadt aber, die den Rechtsstreit zu einem rechthaberisch Streit auf Leben und Tod  eskalieren liess, muss sich noch heute vorwerfen lassen, keine gute Rolle gespielt zu haben. Die Stubenursel übrigens erlebte das Ende dieser Geschichte von Aufstand und Niedertracht nicht mehr. Sie starb 1726.

Wacht über Wein und Dorf: Kirche von WilchingenWacht über Wein und Dorf: Kirche von Wilchingen

 

 

So wie das Alfred Hedinger schildert, könnte es gestern gewesen sein. Aber wie kommt ein Lehrer vom Zürichsee überhaupt dazu, über diesen Konflikt zu forschen? Das, sagt er, habe mit seiner Familie zu tun. Hedingers sind seit Generationen von Wilchingen. Alfreds Zweig wanderten gegen Ende mdes 19. Jahrhunderts aus und liess sich nach allerlei Zwischenstationen in der Stadt Zürich nieder. Hier wuchs er auf. Nach seiner Pensionierung begann er, sich mit seiner Familiengeschichte zu befassen. Die Recherchen führten ihn in dieses Weinbauerndorf an der Grenze zu Deutschland, das man mit Fug und Recht abgelegen nennen darf, das interessanterweise aber eine ganze Reihe von Dichterinnen und Dichtern hervorgebracht hat: Betha Hallauer, Ruth Blum, Alber Bächtold, Hans Ritzmann. In einer Dorfgeschichte des Historikers Kurt Bächtold las Alfred Hedinger den Satz, über den Wilchinger Handel müsste ein eigenes Buch geschrieben werden. Er hat es getan.

Natürlich nicht als erster, aber als erster und einziger, der sich nicht allein auf die in Schaffhausen verfügbaren Dokumente abstützte, sondern auch in auswärtigen Archiven forschte: im Staatsarchiv in Zürich, im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart, im schwarzenbergischen Archiv in Česky Krumlov in der Tschechei. Die Materialsammlung zum Thema ist umfangreich, denn der Wilchinger Handel war auch ein Papierkrieg, will heissen: viele Briefe gingen hin und her, vieles wurde aufbewahrt. Alfred Hedinger nahm sich Schachtel um Schachtel vor, biss sich durch, lernte Handschriften entziffern, notierte, analysierte und korrigierte so mit seinem Buch die bisherige Rezeption dieses Konflikts. Den wissenschaftlichen Anspruch einzulösen war ihm wichtig.

2017 jährt sich der Ausbruch des Konflikts zum 300. Mal. Alfred Hedinger wird wohl wieder zur Feder bzw. in die Computertasten greifen.

Die Taverne der Stubenursel ist längst Vergangenheit, aber das Restaurant Gemeindehaus steht noch; weinrote Fassade, frisch renoviert; es steht leer. Zu viel Konkurrenz durch die Besenbeizen, sagt Alfred Hedinger. Ein bitteres Ende, aber wenigstens wurde das Gmaandhus ohne Händel und Einmischung von aussen geschlossen. Was doch wiederum auch ein Fortschritt ist. (2016)

 

Hedinger, Alfred:  Der Wilchinger Handel 1717- 1729; umfassender Herrschaftsanspruch und dörflicher Widerstand. 2006. Bezugsort: Gemeindeverwaltung Wilchingen, Dorfstr. 115, 8217 Wilchingen

 

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