Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

5 von 44 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

weiterlesen

 

Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

weiterlesen

Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

weiterlesen

 

Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

weiterlesen

 

            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

weiterlesen
 
 
 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

weiterlesen

Heimat im Kochtopf:

Blick in fremde Küchen

 

Kochbücher gibt es mehr, als man verdauen kann, zu jedem Thema, für jedes Kraut und alle Lebenslagen.  Mit „Heimat im Kochtopf“ legen Séverine Vitali (Text) und Ursula Markus (Bilder) nun ein Kochbuch vor mit Rezepten von Flüchtlingen in und um Zürich.  Menschen auf der Flucht suchen bei uns nicht nur Schutz, sondern sie haben auch etwas zu geben aus ihrem  mit Traditionen, Erfahrungen und Erinnerungen „reich gefüllten Rucksack“, wie der SP-Kantonsrat Andrew Katumba (Zürich) im Vorwort schreibt.

Und was servieren sie? Reis, Mais und viel Gemüse, scharfe Saucen und süsse Aufläufe, Hackfleisch mit Zimt und Teigtaschen mit Fleischfüllung. Und das in grossen Mengen: Kooli-Poulet mit Marakari-Gemüsesauce aus Sri Lanka für 6 – 8 Personen. Auberginen mit Tomaten „Barani banjan“ aus Afghanistan für 10 – 12 Personen. Cerdo y Mote (Schweinefleisch mit Mais) aus Honduras bzw. Ecuador für 6 – 8 Personen. Reis mit zweierlei Fisch aus Senegal für 15 Personen. Da ist kein Schmalhans Küchenmeister.  

Manche Gerichte sind kompliziert, andere tönen nur so: Brssin (rote Linsen)  aus Äthiopien/ Eritrea oder Mluchia (Hackfleisch mit Gemüse) aus Syrien. Instantküche ist das nicht, vieles braucht eine lange Vorbereitungs- oder Kochzeit.  Aber man muss sich nicht erbsenzählerisch an die Angaben halten, sondern kann nach eigenem Gutdünken mischen oder sich einfach anregen lassen. Die Autorin zum Beispiel bereitet ihre Tomatensauce jetzt mit vier oder fünf Zwiebeln zu „wie in Afrika“. Einige Spezialitäten wie Taboulé oder Hummus haben sich bei uns bereits eingebürgert (das geht bei Speisen wesentlich schneller als bei Menschen), anderes  bleibt fremd: Schafskopf aus Jemen! Wo bloss kauft man einen ganzen Schafskopf? In einer türkischen Metzgerei, schlägt die Autorin vor; im Anhang findet man Einkaufsadressen und ein Glossar.

Der Blick in die Töpfe ist so reichhaltig, dass man sich unwillkürlich fragt, wie Flüchtlinge mit unserer Kartoffel-Brot-Käse-Wurst-Kultur zurechtkommen. Aber vermutlich stehen sie selber auch nicht jeden Tag  stundenlang am Herd (oder an ihrer einzigen Herdplatte). Auf manchen Fotos sieht das „mise en place“ und der perfekt gedeckte Tisch aus wie in einem Restaurant, andere Kochstellen entsprechen vielleicht nicht ganz den Vorstellungen eines schweizerischen Putzinstituts. Und vermutlich entsprechend manche Kochplätze auch nicht den Vorstellungen der Migrantinnen und Migranten: bei Madlene aus Honduras gibt es Wasser nur im Bade.

Dass der eigene Kochtopf gegen Heimweh hilft, haben Autorin und Fotografin wohl selber erfahren. Beide lebten viele Jahre in verschiedenen Ländern. Die französisch-schweizerische Doppelbürgerin Séverine Vitali arbeitet heute als Konferenzdolmetscherin; die in Kolumbien geborene, freischaffende Fotografin Ursula Markus hat sich einen Namen mit Ausstellungen und Sachbüchern zu unterschiedlichsten Themen gemacht. Beide engagieren sich in der Organisation Solinetz Zürich, wo auch die Idee des Rezeptbuches geboren wurde: http://solinetz-zh.ch/

Flüchtlinge aus Syrien, Jemen, Irak… aber aus Ecuador und Honduras? Warum und wie die Menschen in die Schweiz gekommen sind, erzählt Séverine Vital in kurzen Porträts, traurigen Geschichten, die gerade durch ihre Knappheit berühren. „Südossetien, Rezepte für 0 Personen. Schade“ steht vor dem geplanten Porträt von Elena aus der Ukraine. Sie wurde während der Entstehung des Buches plötzlich in Ausschaffungshaft gesetzt; man konnte sie dort zwar besuchen, aber mit Notizen und Fotos war es Essig. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Das Buch ist keine Jeremiade; das Gewicht liegt auf gutem Geschmack, auf Gewürzen, Farben, Düften, Genuss.  Und ja, auch auf Lebensfreude! Diese überträgt sich vor allem durch die  wunderschönen, stimmigen Fotos von Ursula Markus.

Was aus den Frauen und Männern geworden ist, die zur Rezeptsammlung beigetragen haben, wird am Ende des Buches  auf drei Seiten kurz erklärt. Barry ist nach Guinea zurückgekehrt. Die syrische Familie hat den Ausweis B erhalten und kann bleiben. Khalid aus Irakisch-Kurdistan hält an seinem Traum von einem Restaurant fest. Von Elena aus der Ukraine hat man nichts mehr gehört.                  (2017)

 

Séverine Vitali/Ursula Markus: „Heimat im Kochtopf.“ Rezepte von Flüchtlingen aus aller Welt. 271 Seiten. Rotpunktverlag, 2015.  

Erhältlich in allen Buchhandlungen, zum Beispiel bei: info@milleetdeuxfeuilles.ch