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5 von 46 drauf & gut:


Gesellschaft

Richtig dabei

Zum Beispiel der Friedensmarsch der Palästinenserinnen und Israelinnen vom Oktober 2016 ...

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Kultur 

Kreativ gestaltet

Zum Beispiel Christian Bobst in Zürich: Der preisgekrönte Fotograf geht auch an heikle Themen nah heran...

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Umwelt

Dauerhaft gut

Zum Beispiel Theo Gerber, Arzt und Arvenpflanzer in St.Gallen: sorgte für die Anpflanzung von mehr als einer halben Million Bäumen im Hinterrheintal...

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Wirtschaft

Sinnvoll profitiert

Zum Beispiel Disco100: hat es als Familienbetrieb zum grössten Plattenladen Barcelonas gebracht...

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            Alter

Voller Leben

Zum Beispiel Irmela Mensah-Schramm in Berlin: Bekämpft mit Schaber und Lösungsmitteln Hassparolen an Geländern und Gebäuden...

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 Flüchtlinge

Flucht. Ankunft

 Zum Beispiel Tausende von Freiwilligen, die sich mit Kreativität und Hingabe um Menschen auf der Flucht kümmern…

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Am Mikrofon:

Good Morning Deutschland

 

... und diesen Sommer auch in Luzern

 

Die Entstehungsgeschichte ist etwas kompliziert: Björn Gottstein, seit 2015 künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage, erteilte dem Komponisten Hannes Seidl einen Kompositionsauftrag, der nun ebenfalls etwas speziell ist Damals, im Herbst 2015 in Deutschland, lebten in Donaueschingen mit seinen 22‘000 Einwohnern rund 2500 Flüchtlinge. Die Veranstalter der Tage für Neue Musik fühlten sich von dieser Situation (auch) angesprochen: man müsste doch auch etwas in dieser Richtung tun, und der in Frankfurt am Main lebenden Musiker Seidl sollte sich eine musikalische Antwort auf diese Herausforderung überlegen. Dieser nun war die passende Person, weil er sich schon länger mit der „Rolle und Bedeutung von Musik in unterschiedlichen kulturellen Kontexten“ (Zitat Seidl) beschäftigt. Er kam zum Schluss, dass es keine gute Idee wäre, den Flüchtlingen in Donaueschingen mit einer eigenen Komposition aufs Auge bzw. aufs Ohr zu drücken, wie er in einem Radiointerview sagte. Viel spannender müsste es sei, zuzuhören „was an neuen Klänge auf uns zukommt“. Flüchtlinge sind ja immer auch Kulturträger. Sie bringen Weisen, Rhythmen (und manchmal auch Instrumente) mit, die wir noch nicht kennen. Und da es Hannes Seidls Vorstellung von Neue Musik ist, immer wieder neu über das Hören nachzudenken, entwarf er eine Plattform, die ein solches Nachdenken ermöglicht und den Reichtum unbekannter Klänge aus aller Welt hörbar macht: ein Radio von und (nicht nur) für Flüchtlinge.

Das zu wissen, ist spannend.

Wer es nicht weiss, hört einfach… Radio. Und das reicht ja eigentlich.

Man muss ohnehin die Ohren spitzen, denn gesprochen wird in vielen Zungen, unter anderem in Arabisch, Farsi, Tigrinya, teils übersetzt ins Deutsche. Sein Radioprojekt nannte Hannes Seidl „Good Morning Deutschland“, eine Anspielung auf den amerikanischen Film „Good Morning, Vietnam“ (mit dem unvergessenen, irr-witzigen Robin Williams als amerikanischer Radiomoderator Adrian Cronauer in Saigon). In Deutschland moderiert jeweils ein Team von zwei, drei Leuten. Manche von ihnen sind schon vor ein paar Jahren gelandet (gestrandet?), andere erst seit ein paar Tagen hier. Alle Mitmachenden wurden in einem zweitägigen Crashkurs mit Moderation, Technik, Abläufen und vielem mehr vertraut gemacht.

Am Anfang des Projekts bestanden drei Studios: in Frankfurt am Main, Stuttgart und Donaueschingen. Da Hannes Seidl ein „Campus Radio“ vorschwebte, also ein niedrigschwelliges, in die Umgebung des Zielpublikum eingebettetes Radio, wurden die Studios in den Flüchtlingsunterkünften oder in deren unmittelbarer Nähe eingerichtet. Man konnte den Radiomachern durch die offene Fensterfront zuschauen und sich von der Musik anstecken lassen, denn die Sendungen wurden über Lautsprecher nach draussen übertragen.

Die erste Sendung ging am 1. Mai 2016 übers Netz. Jede Woche wurden von jedem Studio je drei Stunden Programm im Internet gestreamt. Manche Moderatoren hatten bereits Radioerfahrungen aus ihrem Heimatland mitgebracht, andere ähm, probierten es, äh, jetzt zum erstenmal. Im Vordergrund stand die Musik. Musik aus vielen Ländern, traditionelle Lieder, orientalische und eritreische Weisen, auch eigene Kompositionen, teils live gespielt. Wunschkonzert und erste Bühne (zum Beispiel für einen Rapper aus Syrien). Gäste wurden eingeladen, auch diskutiert über unter den Nägel brennende Themen wie Ramadan, Alltagserfahrungen in Deutschland, Zukunftsvorstellungen, Fluchtgeschichten.

Obwohl die Radiostudios nur wenig Infrastruktur brauchen, hatte Hannes Seidl Mühe, Lokalitäten zu finden. Angst vor Anschlägen! Bedenken wegen allfälliger subversiver Inhalte! Doch er erhielt auch  Unterstützung, und so wurde das Projekt dank Kooperationen (mit dem SWR, dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, dem Theater Rampe Stuttgart und anderen mehr) möglich. Ausserhalb des Studios präsentierte sich "Good Morning Deutschland" beim „Kongress WIRKLICHKEITEN –Musik Interventionen in Stuttgart“ im Mai und an den Donaueschinger Musiktagen im Oktober 2016. Danach verstummte das Studio in Donaueschingen, wie geplant, geht aber weiter in Frankfurt und Stuttgart, wie von Hannes Seidl erhofft. Seit November 2016 senden die Flüchtlinge dort in Selbstverwaltung. In Frankfurt ist das Team von drei auf acht Mitglieder gewachsen.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne: wer diesen von „Good Morning Deutschland“ sehen möchte, kann das: der Medienjournalisten Jakob Bauer hat ihn in einem Video "Die Vielfalt der Stimmen" festgehalten . 

Übrigens, zum Komponieren kam Hannes Seidl dann doch noch: er schrieb die Jingles für „Good Morning Deutschland“.                                                                                                                                                        (2017)

 

http://www.goodmorningdeutschland.org/

 

Und dieses Jahr auch in Luzern…

Das Lucerne Festival gemeinsam mit der Radioschule klipp+klang lädt Erwachsene und Jugendliche mit Flucht- oder Migrationshintergrund aus der Region Luzern ein, während des Lucerne Festivals (11. August bis 10. September 2017) einen Tag lang hinter die Kulissen zu blicken und Radiosendung vom und über das Festival zu gestalten. Ein zweitägiger Workshop bereitet sie aufs Radiomachen vor. Das Projekt namens  Radio Identity ist Ausbildungsradio und Experimentierfeld. Die einstündigen Sendungen der insgesamt acht Teams werden jeweils ab 17.15 Uhr via Stream ausgestrahlt.                                                                 (2017)

https://www.lucernefestival.ch/de/programm/sommer-festival/radio-identity