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Labyrinthplatz Zürich:

Respekt und Ruhe

 

Labyrinthplatzlogo von Agnes BarmettlerLabyrinthplatzlogo von Agnes BarmettlerEin Zeughaushof: ausgedient. Soldatenstiefelschritte: längst verhallt. Der Ort: zwischen Polizeigefängnis und Milieu. Und dann dies: im lärmigen Chreis Cheib eine Insel der Kontemplation, ein duftendes Dickicht aus Rosen und Kugeldisteln, am Eingang eine Handvoll Teich, darin sich Molche verstecken. Dieses kleine Paradies ist der Labyrinthplatz an der Kanonengasse im Kreis 4 der Stadt Zürich.

Frau Amsel spaziert auf dem schmalen Weg und hüpft beim Näherkommen in den Feigenbaum, der so hoch ist, dass er eine Geschichte haben muss. Die Geschichte des Labyrinths geht zurück in die achtziger Jahre. Damals hatte Rosmarie Schmid eine Vision: sie sah Labyrinthe an 133 Orten auf der ganzen Welt. Bis das erste in Zürich realisiert wurde, dauert es dann aber. Als der Kanton zum 700jährigen Bestehen der Eidgenossenschaft einen  Wettbewerb „Zürich morgen“ ausschrieb, reichten die Labyrinth-Frauen ihr Projekt mit dem Ziel ein, neue Begegnungs- und Umgangsformen im öffentlichen Raum ausprobieren: „So selbstverständlich wie Fussballplätze, Bibliotheken, Hallenbäder und andere öffentliche Einrichtungen sollte in grösseren Gemeinden und Städten ein Labyrinthplatz zur Verfügung stehen, von Frauen initiiert, verwaltet und in Absprache mitgestaltbar, frei zugänglich für alle, als Ort der Besinnung, als Neuorientierung in der Gegenwart, als Kulturmuster für Umgangs- und Begegnungsformen im öffentlichen Raum.“ 1990 wurde der Wettbewerb-Beitrag prämiert,  1991 das Projekt im Zeughausareal eingerichtet, wo sich damals vor allem Stricher und Drogenbenutzer aufhielten: https://www.stadt-zuerich.ch/content/sd/de/index/ueber_das_departement/organisation/sod/willkommen.html

Die Frauen wählten für ihr Labyrinth die klassische Form, also ohne Sackgassen und Irrgänge. Heute, nach einer Umgestaltung, gelangt man auf vier Umgängen auf einen offenen Platz in der Mitte aus gestampftem, ungefestigtem Boden, auf dem mit Pflastersteinen die Labyrinthform mit sieben Umgängen nachgebildet ist: das Steinlabyrinth im Herzen des Pflanzenlabyrinths. Hier ist Einkehr möglich und Umkehr nötig, um gut zurück (in den Alltag) zu finden. Auf diesem Platz, umsäumt von dreizehn Steinbänken, organisieren die Frauen Veranstaltungen: Musik, Lesungen, Tanz, politische Gespräche. La Lupa singt jeweils den Frühling ein.  „Wir verstehen uns als Kulturschaffende“, erklärt Ursula Knecht, die langjährige Präsidentin des Vereins, im Dokumentarfilm: https://www.youtube.com/watch?v=XfH2LcDwYPM Und weiter: „Kultivieren im ursprünglichen Sinn des Wortes, den Boden bearbeiten, aber auch die Kultur des achtsamen Umgangs mit dem öffentlichen Raum, den unterschiedlichen Menschen untereinander einüben und pflegen und schliesslich Kultur- und Kunstschaffende einladen und uns von ihnen inspirieren lassen.“

Die Künstlerin Agnes Barmettler hat das Logo des Vereins kreiert: es zeigt eine Frau als Mass für die Labyrinthumgänge. Ihre Arme sind weit geöffnet. Sie heisst willkommen. „Wir alle sind Geborene“, sagen die Labyrinthbetreuerinnen. „Eine Frau hat Ja gesagt, sonst gäbe es uns nicht, selbst wenn wir später den Kontakt zur leiblichen Mutter verlieren.“ Kann sein, dass man im Logo auch eine „Oase  mit offenem Ohr“ ausmacht, wie der Titel des Kapitels über das Labyrinth in der Broschüre „Willkommen im Quartier“ heisst:  https://www.stadt-zuerich.ch/content/sd/de/index/ueber_das_departement/organisation/sod/willkommen.html. Oder man sieht im Logo noch einmal etwas ganz anderes; man darf darüber sinnieren, dazu lädt es ein.

Die Pflanzen werden von den Frauen gemeinsam gehegt und gepflegt. Schöne Reminiszenzen liest man im Buch, das die Frauen der ersten Stunde zum 20. Bestehen des Labyrinths geschrieben haben: “Unser gemeinsam erschaffenes Pflanzenlabyrinth war ein Bild voller Schönheit. Aber es war auch voll von traurig machenden Überraschungen (…). Die jungen Salatblätter sahen aus wie mutwillig angeschnitten. Welche Vandalen machten so etwas? Einige wurden später auf frischer Tat ertappt, z.B. die Enten, als sie herbeiflogen und vom frischen Grün naschten“, schreibt Agnes Barmettler in „Erzähl mir Labyrinth“, 252 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Verlag Christel Göttert Verlag, Keplerring 13, D-65428 Rüsselsheim: info@christel-goettert-verlag.de, www.christel-goetttert-verlag.de

Aber das Labyrinth ist nicht einfach ein kollektiver Schrebergarten. Vielmehr führt es die uralte Tradition des Labyrinths weiter als eines Orts der Kraft und des gegenseitigen Respekts, wie man in der hörenswerten Radiosendung erfährt: http://www.srf.ch/sendungen/doppelpunkt/das-garten-labyrinth-in-der-grossstadt.

So wie die Frauen weit zurückdenken, so denken sie auch weit über Grenzen hinaus. Nicht nur in Zürich sollte es so einen Ort geben, Ruhe zu finden, Sorgen abzuladen, Gleichgesinnten und Menschen unterschiedlicher Herkunft zu begegnen, das war ihnen, wie oben erwähnt, von Anfang an ein Anliegen. Die Vision ist wahr geworden. Heute finden Frauen (und Männer) in über hundertdreissig Städten in Europa, USA und Australien öffentliche Labyrinthe, verbunden in einer internationalen Labyrinthbewegung. Angeschoben von den Labyrinthfrauen Zürich.

Labyrinthplatz Zürich
CH-8000 Zürich

www.labyrinthplatz.ch

www.labyrinth-international.org

www.zeughaushof.ch

 

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